Die Renaissance des Wurstsalats.

Eine grundsätzlich wahre Geschichte


Ein strahlend schöner, heißer Samstagnachmittag Ende Mai. Gartenidylle. Vorsichtig, ja beinahe ehrfurchtsvoll umkreist der Hausherr seine neueste Errungenschaft. Wie ein Pilot, der erstmals seine neue Boeing sieht und diese respektvoll bewundert. Viele Hebel und Knöpfe, alles noch blitzblank und im Originalzustand. Nun steht er stolz vor dem Riesending. Daneben, Schulter an Schulter, seine Tochter. Mittlerweile 30, verheiratet und nur mehr fallweise zu Gast im Hotel Mama. Bei Papa hat sie einen Freibrief, dem darf sie alles sagen und der verzeiht ihr so gut wie alles. Gottseidank, denn unsereiner bekäme bei dem Spruch des Tages auf ewige Zeiten Hausverbot. Kurz zur Vorgeschichte und dann zu durchaus ernsten Dingen.

 

Besagter Papa heißt H.G. (Datenschutz!) und ist mein Freund aus frühen Schultagen. 5 Jahre teilten wir Freud und Leid im Klassenzimmer und kämpften uns schließlich zur Matura durch. Was wir allerdings nicht teilen, ist das Sicher-heitsbedürfnis. Während ich da eher großzügig bin, ist H.G. sehr vom Beruf geprägt. Er war über viele Jahre in einem großen Produktionsbetrieb für die Sicherheit, für die Einhaltung der Normen und Richtlinien verantwortlich, penibel darauf bedacht, Arbeitsunfälle oder gar Katastrophen im Unternehmen zu verhindern. So was prägt natürlich über die Jahre. Frau, Tochter und Sohn sind da allerdings nicht immer ganz glücklich damit, sie sind sicherheitstechnisch eher auf meiner Welle. Nicht, dass ich was gegen Sicherheit hätte, ich bin schon auch froh, dass mein Weinkeller voll ist und zudem eine Kiste Mineralwasser im Eck steht, aber bei aller Freundschaft, man(n) kann's wirklich übertreiben. Und jetzt haben wir zu allem Überdruss noch die nervige Corona-Geschichte, H.G. ist zurzeit echt gefordert. Als Sicherheitstechniker berücksichtigt er natürlich stets einen Sicherheitsfaktor. Sei's bei der Abfahrtszeit des Zuges, beim Autofahren der Abstand zum Vordermann oder das Ablaufdatum bei der Thunfischdose, er geht kein Risiko ein. Bei der Auswahl eines gasbetriebenen Gerätes schon gar nicht.


Der Österreichische Zivilschutzverband empfiehlt für den Fall eines Blackouts, also für den Fall, dass die Stromversorgung plötzlich zusammenbricht, dass jeder Haushalt über einen Camping-Gaskocher oder dergleichen verfügt. Wasser wird eben durch Schütteln und aufmunternden Zuspruch nicht ausreichend warm, um Nudeln kochen zu können. H.G. dürfte diese Empfehlung kennen und hat diese vor kurzem, natürlich unter Berücksichtigung des obligaten Sicherheitsfaktors, souverän umgesetzt. Um den Gasgehilfen meines Freundes hätten locker acht Personen mit ihren persönlichen Babyelefanten Platz, so groß ist der. Ja, man könnte auf seinem neuen Hochleistungs-Gasgriller bei geschickter Anordnung sogar 2 Babyelefanten gleichzeitig brutzeln lassen, wenn man genügend Gas und Zeit hat. Wird man aber nicht machen, denn viel zu niedlich und zu wichtig sind diese grauen Viecherl momentan.

 

Auf der Stellfläche, den dieses Monster-Gerät beansprucht, könnte H.G. ohne weiteres einen Swimmingpool bauen. Den hat er allerdings schon, sodass er keinerlei Zweifel an seiner Mega-Investition hat. Jetzt geht's nur mehr darum, das neue Familienmitglied auch zum Laufen bzw. zum Heizen zu bringen. Noch sträubt es sich, aber es glänzt wunderschön in der Nachmittagssonne, alles andere wird sich sicher bald ergeben. Nach ausreichender Bewunderung des Equipments durch Papa und Lieblingstochter stellt sich langsam der Hunger ein. Selbst meiner angetrauten Ernährungsberaterin und mir, wo wir doch im Alltag die Geduld in Person sind, knurrt der Magen. Die Grillwürste und Schweins-kotelette im Kühlschrank harren geduldig ihrer Bestimmung, der Hausherr und designierte Grillmeister blättert mittlerweile nervös im Manual für die Boeing. Kein Feuer, da tu sich nichts. Dann endlich die rettende Idee der Tochter, manifestiert im besten Spruch des Tages:

"Du Papa, warum machen wir uns nicht einfach einen Wurstsalat?"

Der Erzeuger erstarrt, er ist sprachlos ob dieses Kulturbruchs. Lediglich seine aufgestellten Nackenhaare lassen erahnen, dass Gefahr im Verzug ist. Er sollte jetzt besser, so die familieninterne Erfahrung, nicht mehr angesprochen werden. Töchterlein scheint die Zeichen richtig zu deuten und entschwebt vor der drohenden Explosion fröhlich summend in Richtung Küche, um dort mit Frau U. (Datenschutz!), Mama und Herrscherin über Küche und Nahrungsmittelreserven, den Wurstsalat zu basteln. Der schmeckte im Übrigen sogar dem Hausherrn nach erfolgtem Blutdruckabfall hervorragend, aber man kennt ja die Geschichte vom Teufel, den Fliegen und der Not.

 

Doch dem Umfeld und der nachbarlichen Häme zum Trotz, liebe Mitmenschen, lasst euch nicht durch unqualifizierte Einwände in eurer Fürsorglichkeit bremsen. Sorgt auf alle Fälle gewissenhaft vor, überprüft die Vorratskeller und füllt die Bunker. Mit Wasser, Teigwaren, trockenen Keksen, einem batterie-betriebenen Radio und vor allem mit einem Gaskocher. Der darf durchaus handelsüblich, vom Normalbürger beherrschbar und erschwinglich sein. Bei größeren Geräten ist eine technische Vorbildung zweifellos von Vorteil, Piloten haben da überhaupt die besten Karten.

 

H.G. wird die Herausforderung bald auch ohne Fluglizenz meistern, davon bin ich überzeugt. Dann geht's den Würsten an den Kragen, aber bis dahin lassen wir uns den Wurstsalat von Frau U. schmecken und stoßen auf die großartige Idee von Fräulein Tochter an.