(38) SOKO Steyr. Mord mit Verbesserungspotenzial. 

 Kolumnentext in den OÖN vom Dienstag, 23. März 2021

Geben Sie’s doch zu, Sie haben’s auch gesehen. Das Team der SOKO Donau befreit Steyr von einem mordenden Bösewicht und verbessert damit die heimische Kriminalstatistik, das muss man(n) als Patriot einfach gesehen haben. Das Gute vorweg: Tolle Luftaufnahmen von Steyr machen es fast unmöglich, diese Stadt nicht zu mögen. Ja, verständlich, dass man dorthin will. Schon weniger verständlich ist, dass die Top-Kriminalisten aus Wien die Stadteinfahrt aus Richtung Aschach erwischen. Man stelle sich vor, die kommen aus Wien, entern Christkindl und fallen vom Westen her nach Steyr ein. Wie soll man Ermittlern vertrauen, die bereits bei der Anreise derart danebenliegen? Schwer vorstellbar, dass die Rostschüssel, mit der sie angereist sind, standardmäßig mit einem Navi ausgerüstet war, sonst wäre dieser geografische Fauxpas nicht passiert. 
 
Die Sache war ja durchaus spannend, hätte aber noch Potenzial gehabt. Wie wäre es denn gewesen, wenn die Truppe per 200 PS-Motorboot den Wasserweg über die Enns zu uns genommen hätte und schließlich unterhalb der Ennsbrücke von der Crew des Hotel Minichmayr empfangen wird? Die sind allesamt nett, höflich und hilfsbereit, hätten sich einen Fernsehauftritt allemal verdient. Bei Donna Leon geht’s immerhin auch, dass der Brunetti stundenlang am Canal Grande die Hotels entlangschippert, bevor er den Bösewicht einlocht. Was man da von Venedig sieht, ist unvergleichlich, da hinkt die Handlung manchmal deutlich nach. Oder denken Sie nur an Jerry Cotton, Inspektor Colombo oder den Lolli-schleckenden Glatzkopf, den Kojak. Wenn die durch die amerikanischen Häuser-schluchten rasen, machen wir uns ebenso keine Gedanken über Einbahnstraßen  und die Erreichbarkeit von Stadtvierteln, da lassen wir uns schnell von Wolken-kratzern und Stadtparks beeindrucken. Solange der Ö3-Mikro-Mann Maturanten findet, für die St. Pölten die Hauptstadt der Steiermark ist und Österreich lediglich 5 Bundesländer hat, sollten wir die Kirche im Dorf lassen und auch von der SOKO aus Wien keine geografisch optimierten Abläufe erwarten, vom literarischen Anspruch einmal ganz abgesehen. Hauptsache, die Gerechtig-keit siegt, man sieht stimmige Bilder, die Einschaltquoten passen und der Zuschauer kann beruhigt schlafen gehen. 
 
Zurück zu den Verbesserungsvorschlägen. Wenn die Kommissare schon vom Westen her anreisen, dann sollten sie doch gleich die Steyr herabfahren, da läge das Museum Arbeitswelt als Tatort gleich am Weg. Und wenn sich die Ermitt-lungen ziehen, dann könnten sie zur Musik von Miami Vice mit ihrem Schnell-boot über das Wehr des Steyr-Flusses springen und beim Hotel Minichmayr absteigen, von dort bietet sich eine traumhafte Kulisse. Und so ein kleiner Anlegesteg ist schnell gebaut, der würde beim nächsten EU-konformen Fisch-aufstieg glatt mitgehen. Zurück zum Tatort gibt's allerdings ein Problem, nämlich die besagte Wehr flussaufwärts zu überwinden, da wird der Huchen-Highway nicht reichen. Doch einem gefinkelten Drehbuchautor wird da sicher was einfallen. Und falls nicht, Wien liegt ja ohnehin in der anderen Richtung, dann müssten sie in der Enns nach Mauthausen, dort in die Donau und zurück in den Großstadtdschungel. 

Einen kritischen Blick verdient sich überdies sich die CO2-Bilanz der Truppe. Haben Sie mitgezählt, wie oft die Strecke vom Museum Arbeitswelt bis zum SOKO-Stammsitz an der Donau gefahren werden musste? Egal ob Verdächtige bzw. Zeugen vorgeladen wurden oder die Kommissare sich ausgetauscht haben, Google-Maps spuckt pro Strecke 177 km aus. Höchste Zeit, dass Greta Thunberg sich einschaltet. 
 
Ich bin überzeugt, dass das SOKO-Team gerne wieder nach Steyr kommen möchte, irgendein Ganove wird sich da schon anbieten. Und anbieten könnte auch ich mich, als ortskundigen Berater mit gutem Orientierungssinn, zusätzlich ausgestattet mit viel Fantasie für theatralische, werbewirksame Auftritte. Die nächste Idee? Ein vermeintliches Bootsunglück beim Lachsfischen am Stadt-gutteich entpuppt sich als gemeines Attentat eines zwangspensionierten Kampftauchers der österreichischen Marine. Bleibt für den Steyrer Tourismus-verband nur noch das Problem zu lösen, die Ermittler in ihrem Rennboot von Zwischenbrücken bis zum Tatort cruisen zu lassen. Miami Vice lässt grüßen. 


(37) Frühlingsgefühle international.

 Kolumnentext in den OÖN vom Dienstag, 16. März 2021

Verdammt, schon wieder Frühling. Da tummeln sich geschlechterübergreifend aufgeregt die Hormone, sensible Typen werden dabei verrückt, andere wiederum unglaublich müde.

"Die Bäume fahren im Frühling aus der Haut."

Wilhelm Busch, der geistige Vater von Max und Moritz war’s, der das beobachtet hat und das schöne, das neue Grün gemeint hat. Er konnte aber nicht ahnen, wie dumm so mancher Mitbürger ist und deswegen nun am Steyrer Wieserfeldplatz ein Baum, willkürlich geschält, ums nackte Überleben kämpft. Der Biber war’s nicht, da kriechen mit den ansteigenden Temperaturen leider die feigen Ratten wieder aus ihren Löchern. Sagt der Volksmund. Ja, es ist zum „Aus-der-Haut-fahren“, wenn man solche Typen irgendwo unter sich hat, und der Frühling, der kann da am allerwenigsten dafür, da geht's eher um den Intellekt. Doch widmen wir uns lieber den schönen Dingen, lasst uns Spaß haben und Unfug machen, das befreit den Geist und gibt uns Kraft. 
 
Was haben wir nicht schon für tolle Frühlinge erlebt. Früher. Warum schaffen wir’s heute nicht mehr? Gut, Corona ist ein wirklich mieser Spielverderber, aber daran alleine liegt‘s nicht. Woran denken Sie, wenn der Frühling kommt? An Blumen und Vögel, an Garten und Kreuzweh, an Urlaub, der nicht stattfinden kann? Oder vielleicht an schicke Autos? Nun, das wird heuer nichts, der Auto-frühling ist abgesagt, jammern zwecklos. Geschichtlich und wissenschaftlich betrachtet hat der Frühling ohnehin weniger mit Autos zu tun, schon mehr mit dem Stand der Sonne und dem Erwachen der Natur. Ja, da haben sich die Prioritäten mit den Jahrzehnten deutlich zu Gunsten der stinkenden Karre verschoben. Man(n) möchte was über Pferdestärken, Beschleunigung und Schiebedach wissen, die Sonne macht ihre Sache zuverlässig selbst, da ist unser Einfluss minimal. Nicht nur, was den Frühling betrifft, sind die Interessen eben unterschiedlich, selbst unter den Wissenschaftlern. Die sind sich nicht einmal einig, wann der Lenz tatsächlich beginnt. Für die einen, die Astronomen, beginnt der Frühling mit dem Zeitpunkt, an dem die Sonne den Äquator Richtung Norden überschreitet, üblicherweise am 20. März, Änderungen vorbehalten. Die anderen, die Metereologen, die teilen die Jahreszeiten völlig fantasielos nach den Kalendermonaten. Für die ist dann einfach von 1. März bis 31. Mai Frühling. Ist so. Basta. 

Wissenschaft hin, Fantasie her, einerlei, überall auf der Welt wird der Beginn des Frühlings gefeiert. Nicht überall zur selben Zeit und natürlich nicht auf die gleiche Weise, doch stets haben sich dabei seltsame Bräuche entwickelt. So zum Beispiel bei unseren Mitmenschen jenseits des großen Teichs. Gut, auch wir Österreicher haben eigenartige Bräuche und machen Dinge, die ebenfalls nicht nach jedermanns Geschmack sind, man denke an Rahmsuppe mit viel Kümmel drin oder ans Jodeln. Aber die Amis sind, was Freudenfeiern betrifft, quasi Vorreiter. Sie feiern das Ende der kalten Jahreszeit, indem sie sich zunächst einen Frühlings-Burger gönnen, also einen, bei dem die extradicken Fleisch- und Käseschichten unter extragroßen Salatblättern versteckt werden. Derart mit Energie vollgepumpt beginnen sie dann, im Kollektiv ausgelassen zu springen, daher auch die Bezeichnung „Springtime“ für die nun kommende schöne Zeit. Und was haben sie davon? In erster Linie natürlich einen Heidenspaß, aber in der Folge zudem Wüste, sehr viel Wüste. Binnen kürzester Zeit werden unzählige zarte Pflänzchen niedergetrampelt und dahingerafft. Man stelle sich das vor, wenn Millionen und Abermillionen von US-Bürgern, laut Statistik zu 70% deutlich übergewichtig, abheben und dann so gar nicht erschütterungsfrei wieder landen. Das setzt ordentlich viel Energie frei und außerdem der Natur, voran der Pflanzenwelt, gewaltig zu. Und der Frühling hat dann alle Hände voll zu tun, wieder alles in Ordnung zu bringen. Deshalb lieben und loben die Amis ihren Frühling, den Spring, ganz besonders und ehren ihn durch den alten Brauch des Springens. 
 
Oops, bitte verzeihen Sie mir. Ich glaube, da ist jetzt euphoriebedingt die Fantasie mit mir durchgegangen. Schlechtes Gewissen habe ich dabei keines, allerdings das tolle Gefühl, dass mir das unheimlich gut tut. Los, denken oder machen Sie ebenfalls was Verrücktes, haben Sie Corona zum Trotz viel Spaß und berichten Sie mir. 

(36) Fast wie Geburtstag, nur schlimmer.

 Kolumnentext in den OÖN vom Dienstag, 9. März 2021

Nein, ich werde jetzt nicht über Corona schreiben und auch nicht darüber, dass uns dieses verdammte Ding mittlerweile weltumspannend seit ziemlich genau einem Jahr beschäftigt. Diese Berichte überlasse ich anderen, nämlich jenen, die das besser können, beruflich verpflichtet sind und vielleicht sogar Freude daran finden. Trotzdem, so richtig nach lustig ist mir heute auch nicht, daher ein paar Gedanken für besinnliche Minuten zum Jahrestag, den keiner so richtig feiern will.

Morgen, am 10. März, ist es genau ein Jahr her, dass ich anlässlich eines Club-Abends der Kiwanis Steyr mein erstes Buch vorstellen und daraus lesen durfte. Es war ein geselliger, gelungener Abend, allerdings schwebte bereits der Corona-Geist über uns, der die sozialen Kontakte ganz anders als sonst ablaufen ließ. Berührungen vermeiden, Abstand halten, nicht Husten und nur dann Atmen, wenn's wirklich nicht mehr anders geht. Verunsicherung war zu erkennen, ob daraus was Ernstes wird oder nur ein kurzes Intermezzo bleibt, das wir nicht zu sehr überbewerten sollten. Wenige Wochen später schien es wieder bergauf zu gehen, und wenn ich heute meine Texte aus jener Zeit durchstöbere, da war schon was dabei, was mir heute zu denken gibt. Woher haben wir diesen Optimismus genommen? Unglaublich, da habe ich in meiner grenzenlosen Naivität tatsächlich folgendes geschrieben, und wohlgemerkt, es war etwa Mitte März des Vorjahres:

"Wenn ich mich noch einigermaßen richtig an den frühpubertären Religionsunterricht erinnere, dann heften sich von jeher die Christen die Idee mit der Auferstehung auf ihre Fahnen. Gute Sache, wenn auch aus physikalischer und medizinischer Sicht schwer erklärbar. Aus psychisch mentaler Sicht aber großartig, hilfreich und ermunternd. Es geht irgendwie weiter, es muss irgendwie weitergehen. Auch ohne den theatralischen Begleitumstand, dass jemand sich wider allen Naturgesetzen aus der Totenstarre erhebt und dann gegen die Schwerkraft himmelwärts davonsaust.

COVID-19 hatte uns ordentlich im Griff, Christ sein hin oder her, die Buddhisten, die Moslems und all die anderen traf's genauso. Bald ist Ostern, wo zumindest die Katholiken den Neustart feiern und ihres Erlösers, wie sie in nennen, gedenken. Und all die anderen feiern mit. Ja, sie dürfen und sollen mitfeiern, freuen wir uns doch gemeinsam über das, was wir geschafft haben, als Österreicher und als Mitmenschen geschafft haben. Mit viel Einsatz, Zuversicht und Solidarität, über alle Konfessionen hinweg, ist die große Krise überstanden. Manche von uns haben erkannt oder wurden daran erinnert, wie wichtig die Gemeinschaft, wie wichtig ein geordnetes, respektvolles Miteinander ist."

 
Jetzt aber schnell Schluss mit dem Schnee von gestern und vor allem mit der voreiligen Lobhudelei von 2020, denn ganz so gut haben wir's leider nicht hinbekommen, da war mehr Wunsch als Realität dabei. Wenn ich über den Tellerrand und noch weiter hinaus, über die Grenzen meines Gartens blicke, ist mir noch nicht so richtig nach Freude, da tummeln sich zu viele respektlos, rücksichtlos, ohne Bedacht auf das Gemeinwohl in den Gassen und Straßen. Ja doch, die Situation ist schwierig, für manche existenzbedrohend und deprimierend, aber müssen wir deswegen alle Prinzipien für ein gedeihliches Miteinander über Bord werfen? So wird das nichts mit der Normalität, auch nicht mit einer "neuen Normalität".
 
Was haben wir nicht alles über den größenwahnsinnigen, unberechenbaren Blondl aus Übersee diskutiert und geschrieben. Dass der die Gesellschaft spaltet, dass Radikalität und Rassismus in gefährlichem Ausmaß zunehmen und vieles mehr. Wir haben zwar keinen Blondl, bei uns hat die Gefahr andere Haar- und Vereinsfarben, doch sie ist deswegen nicht kleiner. Manchmal ist es wirklich zum Schämen, vielleicht sogar zum Weinen, trotzdem würde ich's wieder so schreiben wie im März 2020 und stehe dazu: Wir werden wieder auferstehen, ob wir das mit Stolz oder beschämenden Eingeständnissen tun, liegt an uns, am Beitrag jedes einzelnen.

 

(35) Gudrun und die Leichtigkeit von Leberkäse.

 Kolumnentext in den OÖN vom Dienstag, 2. März 2021

Gleich vorweg: Gudrun hat's vermurkst. Ich schwöre es beim Barte des Prophe-ten, ich hätte es ernsthaft vorgehabt, das Fasten. Gut, mit dem Propheten, da habe ich weniger auf dem Hut, aber schwör ich's halt beim Barte von Hans, meines Trauzeugens, den habe ich noch nie rasiert gesehen. Zumindest digital Fasten wollte ich, also auf Bits und Bytes ein paar Tage verzichten. Von Verzicht auf Essen, Trinken und andere essenzielle Dinge war nie die Rede, da können Sie in den Medien suchen, wie Sie wollen, da bin ich unantastbar. Aber digital, das sollte möglich sein. Ging leider nicht, Gudrun hat's vermasselt. Sie kennen Gudrun nicht? Müssen Sie auch nicht, es geht ja ohnehin mehr um den Typ Gudrun, und den kennen Sie sicher.
 
Besagte Gudrun, die ist umwerfend. Nicht schön, sondern unförmig, also umwerfend unförmig. Kurz gesagt: Ein Sammelsurium aus optischen Hoppalas auf zwei erdbebensicheren, textilverbrauchenden Beinen. Gudrun ist von jener Beschaffenheit, die es dem durchschnittlichen Mann erleichtert, den Lockdown locker auszuhalten. Man(n) soll nicht raus und man(n) muss nicht raus, somit bleibt jeglicher Kontakt zu Gudrun unterbunden, man(n) ist quasi in Sicherheit, Gudrun in weiter Ferne. Außer man muss Lebensmittel und Klopapier im Supermarkt nachfassen.

Und da steht sie nun, direkt vor der Wursttheke, eingepfercht in 7/8 Leggins mit geschmacklosem Blumenmuster und laut mit der Kommandozentrale zuhause per iPhone kommunizierend. „Ich steh grad bei der Wurst. Reicht ein Kilo Extrawurst?“ Die Kommandozentrale scheint einverstanden, denn Gudrun nickt, soweit es ihr Stiernacken eben zulässt. Es ist eigentlich mehr die Andeutung eines Nickens. „Wieviel Leberkäse soll ich mitnehmen?“ Einige Sekunden Funkstille. Die Kommandozentrale scheint eine sehr große Zahl durchzugeben. „OK. Ciao, Mausi." Ich will mir Mausi und den damit verbundenen Leberkäse-haufen gar nicht vorstellen, mir reichen Gudrun und ihr Mitteilungsbedürfnis völlig, um rasch wieder nach Haus zu wollen. Wurst habe ich außerdem keine mitgenommen, nach dem Einkaufserlebnis mit Gudrun war mir mehr nach Obst und Gemüse.

Nicht verzichten wollte ich allerdings auf die Internet-Recherche zum Thema Leberkäse, und damit war's vorbei mit dem Fastenvorsatz, das wissenschaftliche Interesse hat gesiegt. Ich ahne jetzt, wie Gudrun zu ihrem beachtlichen Body-Mass-Index kommt, immerhin schlägt eine Portion Leberkäse mit etwa 370 kcal und 34 Gramm Fett zu Buche. Nein, wirklich, das hat jetzt nichts mit Neugier zu tun, neugierig sind die anderen, die mit dem X-Chromosomen-Überhang. Sehen Sie, jetzt brauchen Sie vielleicht auch das Internet, um festzustellen, dass Frauen um ein X-Chromosom mehr haben als die Männer.

Bevor ich's mir mit der holden Weiblichkeit ganz verscherze, muss ich zu meiner Rettung doch ein Geständnis ablegen: Ich finde Frauen super. Nicht alle und nicht immer, aber zumindest manche manchmal. Was mich betrifft, so bin ich schon lange mit einem Prachtexemplar gesegnet. Mein Weibchen verzeiht mir meine kleinen Sünden und literarischen Seitenhiebe meist schon nach Zube-reitung von ein paar leckeren Brötchen. Das kann ich mittlerweile, nach 30.000 Brötchen hab' ich es zu einer beachtlichen Perfektion gebracht. Bitte keine voreiligen Schlüsse, das heißt nicht, dass ich auch 30.000 Sünden begangen habe, manchen Leckerbissen habe ich bloß der Liebe wegen kredenzt. Und die 30.000 sind keine Übertreibung, ich habe mehrmals nachgerechnet, die Angabe hält jeder Überprüfung stand.
 
Wie kann ich abschließend der weiblichen Leserschaft beweisen, dass ich das alles ernst meine, ohne mich irgendwie einzuschleimen? Ich hab' das doch einmal gekonnt. Charmant und aufmerksam sein, kleine Geschenke mitbringen, einen Blumenstrauß nicht kaufen, sondern selbst pflücken oder gelbe Post-It-Zettelchen mit Sprüchen drauf im Haus verteilen. Bis zu welchem Alter darf man(n) das eigentlich, ohne gleich auf einem Pflegeplatz installiert zu werden? Jetzt lass ich mir erstmal was Nettes, was Unverfängliches zur Wiedergut-machung und Friedenssicherung einfallen. Astrid Miglar hat da sicher Insider-Informationen, ich werde sie umgehend anrufen und Rat erflehen. Außerdem können wir gespannt sein, was meine Schreibkollegin aus dem Ennstal zum Weltfrauentag abliefert. 


(34) Schluss mit lustig.

 Kolumnentext in den OÖN vom Dienstag, 23. Februar 2021

Gerade mal eine Woche ist der Fasching vorbei und wir laufen immer noch maskiert herum. Aber nicht, weil wir wollen, sondern weil wir müssen. Lustig war im heurigen Fasching im Grunde gar nichts und die eigenartige Stimmung hält blöderweise an. Ich sehe es als meine moralische Verpflichtung, einen bescheidenen Beitrag zur Belustigung der geplagten Österreicher zu erbringen. Auf die Österreicher beschränke ich mich primär aus sprachlichen Gründen, den unser eigenartiger Humor hat tatsächlich an den Grenzen seine Grenze. Vielleicht noch die Bayern, die mitlachen könnten, zurzeit aber haben wir, vor allem die Tiroler, ganz wenig Bock auf die Bayern. Die wollen sich gerade nicht mit uns amüsieren. Sogar dem eingefleischten Österreicher bliebe das Lachen im Halse stecken, wenn er wüsste, was es mit dieser Karnevalszeit historisch auf sich hat. Wahrlich eine furchtbare Sache für unser aller Kulinarik, ich habe mich erkundigt.
 
Der Begriff Karneval stammt vom lateinischen "carne vale", übersetzt "Fleisch, lebe wohl". Fasching hat also etwas mit der Fastenzeit zu tun. Diese dauert im Christentum von Aschermittwoch bis Ostern, immer 40 Tage lang. In der Zeit davor – also dem Fasching- finden meist ausgiebige Feiern statt, begleitet von Essen und Trinken. Theoretisch. Praktisch war diesmal nix mit Feiern, gegessen und getrunken haben wir dennoch im stillen Kämmerlein genug. Jeder soll mal selbst mit ehrlichen Angaben seinen BMI ausrechnen, da kommt bei manchen sicher Gänsehaut-Feeling auf.

Ich werde heuer nicht Fasten, aus Protest nicht, allein schon wegen der Maske nicht. Lustige Masken und Verkleidungen waren im heurigen Fasching ohnehin out, die unlustige FFP2-Maske und die Fastenzeit sind da keine echte Alternative. Außerdem habe ich, was die Fastenzeit betrifft, einen klassischen Fehlstart hin-gelegt. Obwohl ich wirklich kein Fleisch- und Wursttiger bin, zum Frühstück darf's ausnahmsweise mal ein Blatt Schinken oder ein gebratener Speckstreifen am Spiegelei sein. Und am Aschermittwoch war mir danach. Ich hab's eher gedankenlos gemacht, der Fauxpas ist mir quasi in der Unachtsamkeit passiert. Habe ein kleines, nur ganz kleines Stück vom Farmer-Schinken auf meine Buttersemmel gelegt und rechne jetzt mit dem Schlimmsten. Für einen gläubigen Katholiken, der ich trotz fehlender Club-Karte bin, bedeutet das, irgendwann in der Hölle zu schmoren. Ich habe ja bereits über meine Albträume das Fegefeuer betreffend berichtet, jetzt aber steigt die Wahrscheinlichkeit, dort wirklich antreten zu müssen. In meiner Verzweiflung hoffe und bete ich, dass man in der Hölle kulanterweise unterschiedliche Temperaturklassen abhängig von der Schwere der Verfehlungen anbietet. Ich male mir aus, es gäbe Platzkarten für jene, die sich ihrer Sünden bewusst sind und aufrichtig bereuen. Oder nur mal angenommen, ich werde ab sofort Veganer, bringt das Pluspunkte beim Sitzplatz auf dem Feuer? Eventuell am Rand, wo's nicht mehr ganz so heiß ist und zeitweise ein kühlendes Lüftchen weht? 

Zur Sicherheit grüße ich in diesen Tagen alle Mitmenschen höflich, steige vor-sichtig über Würmer und anderes Kleingetier, trage meine FFP2-Maske auch während der Nacht, in der Hoffnung, dass dies alles von höherer Stelle wohl-wollend registriert wird. Vielleicht schaffe ich es, mir die 80 Grad-Zone im Fegefeuer zu erarbeiten, diese Temperatur wäre ich aus der Sauna zumindest vorübergehend gewohnt. Die Frage nach einem erfrischenden Bier werde ich dort unten wohlweislich nicht stellen, die würden sich wahrscheinlich verarscht fühlen. Wäre aber nicht viel anders als derzeit bei uns, da kann ich auch nirgend-wo ein Bier bestellen. Also, warum dann vor dem Fegefeuer fürchten?

Um guten Willen zu zeigen, möchte ich in der Fastenzeit trotzdem auf irgendwas verzichten. Was gibt's, worauf wir in den letzten Monaten nicht ohnehin schon verzichtet hätten, was mir nicht wirklich weh tut und was trotzdem großen Eindruck bei den göttlichen Juroren macht? Da muss es doch was geben. Jetzt hab' ich's: Ich werde digital fasten und den Bits und Bytes gänzlich entsagen. Versuchsweise für eine Woche, man(n) soll's ja nicht gleich übertreiben. Kein Internet, kein Computer, kein Handy und kein Fernsehen. Aber erst ab morgen, denn heute interessieren mich noch Ihre Kommentare. Und sollte ich den Entzug überleben, gibt's demnächst einen Versuchsbericht.


(33) Von mieser Laune und netten Begegnungen.

 Kolumnentext in den OÖN vom Dienstag, 16. Februar 2021

Selbst wenn das Lachen noch nicht verboten ist – man könnte ja Aerosole verpusten – so ist das manchen Mitbürgern schon vergangen. Ich gebe zu, ich jammere jetzt auf hohem Niveau, trotzdem muss es auch jenen, die derzeit auf der nur leicht bewölkten Sonnenseite des Lebens spazieren dürfen, erlaubt sein, einmal schlecht drauf zu sein. Ich habe beschlossen, dass dies heute der Fall ist: ICH BIN SCHLECHT DRAUF! Und das darf meine Umwelt ohne weiteres merken. Was die Sache ungemein erleichtert, ist ein aktueller Urteilsspruch, der auf der ORF-Seite zu lesen stand:

Wörtlich heißt es im Urteil: „Angesichts der Perversität der Äußerungen des Klägers ist die auch zwei Tage danach noch bestehende Entrüstung der Beklagten legitim und die unglücklich gewählte Bezeichnung des Klägers als ‚Arschloch‘ gerechtfertigt.“ Unter Berücksichtigung der Äußerungen des Klägers erscheine die weitere Klagsführung als „rechtsmissbräuchlich“. Die Beschimpfung sei zudem in einem privaten Messenger-Chat erfolgt, der nicht geeignet sei, den Kläger in der Öffentlichkeit herabzuwürdigen. 

Soll heißen: Die Abgeordnete Sigrid Maurer durfte den Betreiber eines Wiener Craftbeer-Shops von Angesicht zu Angesicht ein A...ch schimpfen, ohne weitere rechtliche Folgen befürchten zu müssen. Es ist zwar nicht grundsätzlich mein Stil und besagte Beschimpfung gehört sicher nicht zu meinem Standardwortschatz, aber heute bin ich schlecht drauf, da mach ich eine Ausnahme. Und mit Jacky fang ich an (Name von mir bis zur Unkenntlichkeit verändert). 

Durchschnittlich zwei Mal pro Woche kommt mein alter Sportkollege Jacky bei mir vorbei und nicht immer schaffe ich es, mich rechtzeitig zu verstecken. Mein zuhause liegt anscheinend am Weg zu seiner Bierquelle. Wohlgemerkt, er ist alt, ein Kollege und absolut kein Freund, und er geht nur am Haus vorbei, ich lass den Typen garantiert nicht rein. Er ist ein richtiger Kotzbrocken, wobei ich heute launebedingt nicht abgeneigt wäre, ihn als A…ch zu bezeichnen. Und seine indi-viduelle Perversität, um auf das Gerichtsurteil zurückzukommen, die besteht darin, dass er sich jedes Mal ungefragt bemüßigt fühlt, mir einen Witz aus der alleruntersten Schublade zu erzählen. Ein flüchtiger Gruß, ein unappetitliches Räuspern und dann geht's schon los: "Kennst du den?", beginnt Jacky die stets sehr einseitige Konversation. Und noch bevor er sich über Blondinen, Ausländer oder Dunkelhäutige unlustig austoben kann, bekommt er meinen Konter zu spüren: "Natürlich, ich kenn die alle, und den ganz besonders. Spar dir das für deine Saufkumpane." Und flugs war ich provokant im Haus verschwunden. Der Start meines Miese-Peter-Tags war wirklich gelungen, ging doch ganz einfach. Ich rieb mir die Hände, der nächste Kandidat möge kommen. 
 
Ich musste nicht lange warten, ein Mann in grell-orangem Outfit, mit Besen und Schaufel bewaffnet und eine Scheibtruhe steuernd betrat die Szenerie. Er fluchte, spuckte und hustete, wie es sich für einen Raucher gehört. Dann hob er zwei Red-Bull-Dosen auf, auch die leere Burger-Schachtel und warf alles in seine Karre. Als er mich sah, grinste er, brummte mir ein freundliches "Hallo Chef" entgegen. Kann man so jemanden die eigene miese Laune spüren lassen? Ich schaffte es nicht, grinste ebenfalls und konterte mit einem "Hallo, guten Tag!" Musste eben der nächste dran glauben. Der nächste, das waren allerdings zwei. Sie kamen mit einem LKW und leerten die Papier-Container der Entsorgungsinsel, nur wenige Schritte von meinem Haus entfernt. Nach drei Minuten war ihr Job erledigt, zum Schluss kehrten sie mit einem Besen die Müllreste weg. „Es gibt wirklich Schweine, aber wir machen das schon. Noch schönen Tag.“ Grinste mich an und stieg in den LKW, weg war er. Keine Gelegenheit, ihn anzustänkern, der Bursche war einfach zu flott. Ich musste künftig schneller reagieren, um Dampf abzulassen. Bei der folgenden Möglichkeit machte das aber keinen Sinn, man beschimpft seinen Freund und Helfer nicht ungestraft und schon gar nicht mit dem A-Wort. Ein Polizei-Auto patrouillierte um den Block. Herbert, ein Sportfreund aus erfolgreicheren Tagen, winkte mir freundlich zu. Es war mir danach, lächelnd zurückzuwinken. Sch….. drauf, dachte ich mir, muss ich mir eben einen anderen Tag zum Granteln aussuchen, heute passt’s irgendwie nicht. Meine vermeintlichen potenziellen Opfer haben sich das einfach nicht verdient. 

Ich hoffe vergeblich, dass mit dem Verschwinden der Masken die Jogginghosen ebenso wieder aus dem Stadtbild verschwinden. Und es dürfte sogar noch schlimmer kommen: Der Pyjama wird in Kürze straßen- und alltagstauglich. Na dann gute Nacht, Abendland. 


(32) Die Wiederauferstehung des Figaro.

 Kolumnentext in den OÖN vom Dienstag, 9. Februar 2021

Gottseidank, Steyr erwacht wieder aus dem zwangsverordneten Dornröschen-schlaf. Klar, dass ich da freudig mitmache und umgehend meinen Beitrag leiste, um die lokale Wirtschaft nach Kräften zu fördern. Kaum jemand ist zwischen-zeitlich jünger oder gar schöner geworden und die Haare sind an allen nur möglichen Körperstellen gewachsen, ob sie nun durften oder nicht. Mein erster Weg führt mich daher zielstrebig in die Bahnhofstraße, das Steyrer Mekka des Hairstylings.
 
"Machen Sie bitte einen jungen, gutaussehenden Prinzen aus mir." Mein Gegenüber stand hinter mir und starrte mir verdattert in die Augen. Wie das physikalisch funktioniert? Plagen Sie sich nicht, Sie kommen nicht drauf. Gestern war's und es durfte auch wieder sein, ganz offiziell. Ich saß frisch getestet beim Friseur meines neuen Vertrauens erwartungsvoll im Behandlungs-stuhl, wir tauschten unsere Blicke via Spiegel aus. Sein Blick war, wie erwähnt, ob meines eigenartigen Wunsches verwirrt, meiner für diese Tageszeit erstaunlich wach und fröhlich. Zumindest nach eigener Einschätzung. Es war kurz nach 9 Uhr am Morgen, ich hatte meinen ersten Kaffee bereits hinter mir, er hatte ihn noch vor sich, vor sich am Ladentisch stehen. Er dampfte noch und duftete nach Orient. Die eigenartige Musik im Salon kam aus derselben Region, ebenso der Meister der Schere. Er schien nachzudenken, so er mich überhaupt verstanden hatte. Ja, ich glaubte schon, denn sein Deutsch war löblich gut und mein Ansinnen zudem klar formuliert, wenn auch äußerst schwer umzusetzen.
Einen Prinzen? Aus dem Typen? Wie soll das denn funktionieren, wird er sich wohl gedacht haben. Er ist doch kein Schönheitschirurg und auch kein Zauberer, er ist schlicht für die Frisur zuständig. Nein, das war zu viel verlangt. Ich erlöste ihn und korrigierte: "Keine Panik, das war nur ein Scherz. Einfach Haare schneiden, das reicht." Ihm reichte das nicht, er wollte nun, da er erleichtert war, mehr über meine Vorstellungen wissen. Er ist immerhin Profi, beinahe ein Künstler, da muss man(n) als Kunde schon genauere Angaben machen. Mit Sprachbrocken, Pantomime und etwas Geduld schafften wir es, uns auf ein Wunschergebnis zu einigen. Sogleich legte der Meister los.

Schnipp, schnapp, ritsch, ratsch und nach 15 Minuten war das Kunstwerk fertig. Hochzufrieden mit meinem Aussehen und dem Preis-Leistungs-Verhältnis verließ ich den Salon. Der Profi hatte sein Möglichstes getan, um einen Prinzen zu erschaffen. Nun lag's an mir, den Rest auch noch hinzubringen. Fürwahr ein schwieriges Unterfangen, wo ich gerade jetzt meine Modeberaterin nicht dabei hatte. Die versuchte zur selben Zeit andernorts aufopfernd, die heimische Wirtschaft auf ihre Art zu fördern. Sie liegen richtig, die Förderung meiner Liebsten hat was mit Textilien zu tun, also konnte ich diesen Bereich beruhigt abhaken. Außerdem, dachte ich mir, Kleider mögen schon Leute machen, ich bin allerdings mehr der Typ, bei dem die inneren Werte zählen. Einer plötzlichen Eingebung folgend kam ich nicht umhin, die inneren Werte einer Leberkäs-Semmel bei der erstgefundenen innerstädtischen Bezugsquelle zu prüfen. Mit kulinarischem Erfolg, darf ich freudig vermelden.

Apropos Eingebung, da gibt's noch was Interessantes zu berichten. Sie kennen doch Karl Lagerfeld, diesen arroganten Schnösel, der stets Sonnenbrille, schwarzes Sakko und schwarze Lederhandschuhe trug. Als Modeschöpfer muss er ja ganz groß gewesen sein, als Mitmensch hatte er nicht ganz so gute Kritiken. Ungeachtet dessen, der Kerl war tatsächlich ein Wahrsager. „Wer Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“ Das sagte dieser kluge Mann bereits im Jahr 2012, und was haben wir heute? Jänner 2021, oft schon tagsüber Jogginghosen an und Corona-bedingt die Kontrolle über unser Leben fast verloren. Lagerfeld hat’s gewusst, er war Prophet und Marketing-Genie zugleich, denn kurze Zeit nach dieser Wahrsagung hat er eine erfolgreiche Kollektion dieses Schlabber-Looks entworfen. Ich geb’s ja zu, ich finde solche Hosen auch bequem, allerdings habe ich mir einen Rest an Würde bewahrt und trage diese Montur nur im geschützten Bereich meines Anwesens. Gehe ich so vor’s Haus, um beispielsweise den Müll zu entsorgen, dann nur mit Maske, hochgestelltem Kragen und Haube, also bis zur Unkenntlichkeit verkleidet.

Ich hoffe vergeblich, dass mit dem Verschwinden der Masken die Jogginghosen ebenso wieder aus dem Stadtbild verschwinden. Und es dürfte sogar noch schlimmer kommen: Der Pyjama wird in Kürze straßen- und alltagstauglich. Na dann gute Nacht, Abendland.


(31) Von Reiselust und Höllenangst.

 Kolumnentext in den OÖN vom Dienstag, 2. Februar 2021


Lange Zeit war ich mir nicht sicher, ob ich schwarz-weiß oder doch in Farbe träume, der Albtraum der letzten Woche brachte schließlich Gewissheit: Yeah, ich träume in Farbe. Die Flammen waren wirklich da, ein mystischer Mix aus gelb, orange und rot, und da ich schweißgebadet aufwachte, dürften meine Träume sogar die Temperatursensoren angeregt haben. Es war drei Uhr morgens, ich lag plötzlich wach da und schnappte nach Luft. Nein, keine Rauchgas-vergiftung, lediglich panische Angst, Todesangst. Ja, ich weiß schon, ich habe schwer gesündigt in den letzten Jahren, aber deshalb muss man mich doch nicht gleich verbrennen. Nun langsam der Reihe nach, zum Mitdenken und Mitfühlen.

"Was, du willst schon wieder auf Urlaub fliegen? Unmengen von Erdöl verpulvern und CO2 rausblasen, ohne Rücksicht auf den ökologischen Fußabdruck? Ich warne dich, übertreib's nicht." Sprach's und ließ mich mit dieser Drohung sitzen. Es war zwar ebenfalls nur ein Traum, allerdings sah ich das Bild lange Zeit auch tagsüber vor meinem geistigen Auge. Von Statur, Größe und Kleidung wie Greta Thunberg, neben den Zöpfen waren kleine Hörner zu sehen, die Zunge war abnormal lang und knallrot, selbst die Augen leuchteten rötlich. Beelzebub als schwedisches Schulmädchen verkleidet, ein furchteinflößendes Bild. Ich war nahe dran, einen Schwur abzulegen. Nie wieder Fliegen, nur mehr ganz wenig Autofahren und überwiegend vorbildliche Fußmärsche machen. Doch es kam nicht mehr dazu, ich wurde rechtzeitig munter. Mit rasendem Puls und rotem Gesicht, aber immerhin ohne Schwur. Bis zum zweiten Lockdown hatte ich mich psychisch einigermaßen erholt und konnte wieder angstfrei im Dunkeln schlafen, vor zwei Wochen dachte ich erstmals seit langem an eine Flugreise und getraute mich sogar, Dr. Google nach günstigen Flügen zu befragen. Und dann der Schock, der Albtraum mit den Flammen. Ich vermute, der Teufel hat Zugang zu meiner Browser-Chronik, der weiß genau, was ich und warum ich gegoogelt habe. Und dann hat er als Rache diesen Höllen-Zinnober veranstaltet. Zudem weiß der Höllenfürst, dass er mich mit Zahlen beeindrucken kann, daher hatte er zur Begrüßung ein bunt beschriebenes Flipchart vorbereitet.
 
Ich hatte ja im Grunde meines Herzens geglaubt, nach meinem Ableben in den Himmel zu kommen, dass ich jetzt aber in der untersten Etage sitze, war ein kleiner Schock. Und die Zahlen, die mir da entgegenprangten, verhießen auch ohne Erklärung nichts Gutes, es ging um meine persönliche CO2-Bilanz. Da waren tatsächlich sämtliche meiner Flugreisen aufgelistet, eine zweite Tabelle zeigte die Kilometer, die ich mit dem Auto zurückgelegt hatte. Immer noch beträchtlich, im Vergleich trotzdem ein Streichresultat. Dann begann die teuflische Greta mit schrecklich tiefer Stimme ihre Standpauke.

 „Mein Junge, da hast du ordentlich zugeschlagen. Deine Reisesünden reichen für drei Leben. Andererseits muss man dir zugutehalten, dass deine Bemühungen um deine Mitmenschen durchaus bemerkenswert waren. Also, um’s kurz zu machen, ich habe mich von der obersten Etage zu einem Kompromiss überreden lassen. Du wirst in den Himmel kommen, allerdings musst du vorher solange im Fegefeuer sitzen, bis deine Energiebilanz ausgeglichen ist. Wir werden daher Buchenholz unter deinem Hintern verbrennen, bis dein CO2-Ausstoß durch die Flugkilometer jenem des Feuers entspricht. Ein fairer Deal, meinst du nicht?“ 

Was ich meinte, war dem Herrn der Unterwelt dann anscheinend egal, er packte mich an den Schultern und schon saß ich am Eisenrost. „Und derweilen du dich aufwärmst, werde ich dir deine Aufenthaltsdauer am Feuer vorrechnen, du magst ja Zahlenspiele.“ Schon spürte ich die ersten Brandblasen am Hintern, ich begann zu schreien und wild um mich zu schlagen. Das letzte, was ich sah, war die grinsende, behörnte Greta mit einem Taschenrechner in der Hand. Ich tobte aus Leibeskräften, dann war’s gottseidank drei Uhr am Morgen und ich erwachte, verschwitzt und durchnässt. Woher der Brandgeruch stammte, der sich dezent durch’s Schlafzimmer zog, kann ich mir bis heute nicht erklären, aber auf Flugreisen werde ich in nächster Zeit freiwillig verzichten. 

Wie werden Sie nach Corona Ihre Reisebewegungen durchführen, wird’s da Änderungen geben, oder wurden Sie gar geläutert? Wenn Sie mathematische Probleme bei der Reiseplanung haben, helfe ich Ihnen gerne weiter, denn mit Tabellen und CO2-Bilanzen kenne ich mich mittlerweile ganz gut aus.


(30) Schreckliche Zahlen.

 Kolumnentext in den OÖN vom Dienstag, 26. Jänner 2021


70/20/10. Nein, keine Panik, das sind keine Maße, die man(n) oder Frau sich wünscht. Ich will mir keinen Mitbürger und schon gar keine Mitbürgerin mit diesen Kennwerten vorstellen, aber Sie wissen ja mittlerweile, ich hab's mit Zahlen. Klären wir die Sache rasch auf, bevor Sie zu intensiv an Aliens oder Frankenstein denken und dann Gänsehaut bekommen.
 
Jüngst war mir nach Spazierengehen. Weit und breit keine Menschen, nur parkende Autos und dazwischen tapfere Natur. Irgendwann muss man an die frische Luft, und der Warnschober und seine Freunde, die lassen das ja auch zu. Selbstverständlich hatte ich meine kesse Maske mit den lustigen Symbolen stets griffbereit, also keine Gefahr für meine Mitmenschen. Nachdem ich gemächlich an etwa 30 Autos vorbeigeschlendert war, blieb ich stehen, um kurz nachzu-denken. Da war was, was Eigenartiges.

Ich drehte um und schritt die Kolonne der geparkten Vehikel nochmals ab, diesmal bewusster. Die Spiegel in den Autos, die weckten meine Neugier. Schließlich stellte ich Folgendes fest: bei etwa 70% baumelte vom Rückspiegel ein Mund-Nasen-Schutz, bei 20% der obligate Wunderbaum und bei 10% eine Art von religiösem oder auch Glückssymbol, manche Dinge waren einfach nicht definierbar. Unbehangene Spiegel gab's kaum, prozentuell ein Streichresultat. Natürlich war mir als Zahlenfreund bewusst, dass für eine brauchbare Statistik die Stichprobe zu klein war, da müsste ich mein Experiment schon am Parkplatz des Vienna Airport durchführen. Zurzeit wahrscheinlich auch nicht die sauberste Lösung, da es momentan zu viele leere Parkplätze gibt. Aber wann ist wieder die Zeit für saubere Lösungen, für das normale Leben? Die Nachrichten sagen es uns beinahe täglich, vertrösten uns wiederholt auf später, sogar viel später. Ein Beispiel? Bitte, gerne. Willkürlich gewählt und von Fachleuten verschiedenster Gebiete oft nachgeplappert:

Eine Schlagzeile in den Nachrichten vom 19. Jänner 2021 / Radio OÖ

"Bis zur Rückkehr zur Normalität wird es noch Monate, wenn nicht sogar Jahre dauern."

Hurra, dachte ich mir und konnte mir dazu ein Lächeln nicht verkneifen. Wir haben tatsächlich eine Galgenfrist, bevor der alte Wahnsinn wieder abläuft. Es bleibt noch Zeit, uns zu besinnen, nach neuen Lösungen zu suchen. Aber, so die Meinung vieler Experten, so läuft's künftig nicht mehr. Es wird nicht mehr reichen, alte Techniken und Systeme weiter zu optimieren, die Zitrone ist bereits ausgepresst. Wir haben den Tellerrand erreicht, jetzt sollten wir mal mutig darüber hinausschauen, oder besser noch, den geistigen Horizont über den Teller hinaus erweitern. Und warum tun wir’s nicht, wo liegt das Problem? Mangelnde Selbstreflexion und Angst vor Veränderungen. Und zusätzlich Gedächtnisverlust, das zeigt sich regelmäßig bei demokratischen Wahlen. Wir, das Stimmvieh, wir vergessen allzu schnell, was manche Typen, die sich da wählen lassen, alles angestellt haben. Ingeborg Bachmann, die große österreichische Schriftstellerin, wusste es schon vor Jahrzehnten:

"Die Geschichte lehrt dauernd, aber sie findet keine Schüler."
 
Ja doch, Sie haben recht, der Satz mag abgedroschen und überstrapaziert sein, er ist allerdings immer wieder aufs Neue angebracht. Im Kleinen beginnt's, ich nehme mich da selbst bei der Nase. Ich erinnere mich mit Schaudern an den letzten Kater nach einer feuchtfröhlichen Nacht. Und irgendwann war besagter Kater nicht mehr der letzte, sondern der vorletzte, ich habe dummerweise wieder Murks gemacht. Das Problem ist so alt wie die Geschichte der Menschheit: Veränderungen von liebgewonnen Gepflogenheiten, vor allem wenn's gerade besonders angenehm ist, stoßen zunächst einmal auf Widerstand. Und wenn Änderungen dann noch Einschränkungen mit sich bringen, sind die Erfolgs-aussichten ohnehin nicht allzu rosig. Wer ein goldgelbes, knuspriges Schnitzel am Teller liegen hat, wird kaum freiwillig auf einen blassen, weichen Tofuknödel umdisponieren, nur damit das Meer die Malediven nicht schon 2090, sondern erst 2091 wegspült.

Zurück vom Spaziergang ging ich zunächst zur Familienkarosse, um eine der nun verpönten, bunten Stoffmasken vom Spiegel zu nehmen und im Handschuhfach zu verstauen. Zugegeben, nur ein symbolischer Akt, doch die Hoffnung, auch den Nachfolger, dieses FFP2-Unding bald nicht mehr zu brauchen, die lebt in mir. Und für die Malediven sehe ich auch Chancen, denn ich mag Tofu.


(29) Achtung: Gefährlicher Neustart!

 Kolumnentext in den OÖN vom Dienstag, 19. Jänner 2021


Kaum zu glauben, wir haben 2021, Silvester ist überstanden, wir leben noch. Und dieses eigenartige Weihnachten ist auch nur mehr eine blasse Erinnerung. In meinem Fall allerdings eine gute, ich habe nämlich wider Erwarten, trotz einer langen Liste von Verfehlungen, ein Geschenk bekommen. Ich vermute zwar nur aus Mitleid, doch egal, Geschenk ist Geschenk. Und zufällig mag ich Zotter-Schokolade.
 
Haben Sie ihn auch gesucht am 1. Jänner, den erlösenden Reset-Knopf? Oder zumindest gehofft, dass alles nur ein schlechter Traum war, die Sache mit dem Virus zum Beispiel? Ich muss Sie enttäuschen, es geht weiter mit den Problemen. Und wenn's nicht dieselben sind, dann kommen eben neue. Angeblich wächst man(n) daran, meinen die Psychologen. Zusammen sind Mutter Natur und der Mensch unter strenger Aufsicht der Vorsehung beim Erfinden von Schwierig-keiten höchst kreativ.
 
So wie mir blieb den meisten Mitmenschen heuer mehr Zeit zum Nachdenken, zum Grübeln, Wünschen und Hoffen. Auf eine To-Do-Liste fürs neue Jahr habe ich diesmal verzichtet, die Planbarkeit war bereits im vergangenen Jahr stark eingeschränkt. Ich schließe zwar nicht aus, dass mein Haushaltsvorstand* noch eine geheime Liste im Ärmel hat und mir diese demnächst auf den Tisch knallt, ich jedenfalls habe keine gemacht. Genauso halte ich's heuer mit den guten Vor-sätzen, es gibt einfach keine. Doch halt, ein bisschen was möchte ich schon ändern in meinem Leben, ohne gleich Vorsätze daraus zu basteln, die sind mir zu verbindlich. Außerdem war meine Erfolgsquote in den letzten Jahren enttäu-schend niedrig. Dennoch, irgendwas muss und wird sich ändern, ob’s mir nun gefällt oder nicht.

"Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne."

Uns kann's egal sein, ob dieses Zitat nun tatsächlich von Hesse oder Goethe stammt, es hat was. Ist man in der richtigen Stimmung, und das dürfen wir zu Jahresbeginn schon sein, dann steckt viel Zuversicht und Hoffnung darin. Und viel Freude und Neugier, im besten Fall kindliche, vorurteilslose Neugier.
 
Ja, ich bin extrem neugierig, was auf uns, was auf mich zukommt. Schon die ganz Kleinen freuen sich auf den Kindergarten, später auf die Schule, und manche schaffen das sogar immer wieder. Immer nach den Ferien freuen die sich auf den Schulbeginn. Wirklich, das soll vorkommen, und es soll gerüchteweise sogar Lehrer geben, die diese Emotion kennen. Neuer Stundenplan, neue Gesichter, neue Herausforderungen. Und manchmal ist das alte, das vielleicht nicht so toll war, schlagartig vergessen. Aus energetischer Sicht eine großartige, eine wunderbare Sache, von der Schöpfung genial eingerichtet. Und mir geht's genau so, ich oute mich hier gerne als großes Kind. Geben Sie's doch zu, Sie lieben Neuanfänge ebenso wie ich. Und wenn's nur das neue Auto ist, der neue Computer, die neue Freundin oder der neue Nachbar, wenn der alte zu laut war. 
Da sind übrigens die Goldfische zu beneiden, die stehen immer wieder und sehr regelmäßig vor neuen Situationen, weil ihr Gedächtnis sehr schlecht ist. Die oft angeführten 7 Sekunden, die sie angeblich eine Information behalten, sind wahrlich nicht viel. Auch die zwei Monate, die neuere Forschungen als Speicher-dauer anführen, sind bei einer möglichen Lebenserwartung von 20 Jahren ebenso wenig eine Top-Leistung. Zudem weiß man nicht, ob diese Geschöpfe sich wirklich immer freuen, wenn's nach einem ungewollten Reset wieder bei null losgeht. Ganz anders die Situation beim Elefanten, der kann in freier Wildbahn durchaus 60 bis 70 Jahre alt werden. Und zudem hat er ein unglaubliches Erinnerungsvermögen. Tut man dem Dickhäuter in jungen Jahren Böses an, kann es noch nach Jahrzehnten passieren, dass er dem Übeltäter mit dem Rüssel eins drüberzieht. Ich glaube, der Elefant schaut deswegen so traurig, weil er kaum was vergisst und daher wenig Neues erleben darf, schon gar nicht einen regelmäßigen Reset. Oder er ist einfach deprimiert, weil er mitansehen muss, was wir mit unserem Planeten anstellen. Egal ob Sie jetzt mehr der Goldfisch- oder der Elefantentyp sind, freuen Sie sich mit mir auf das neue Jahr, auf die Heraus-forderungen und Möglichkeiten. Was mich betrifft, so bin ich sehr erleichtert, dass ich nicht in einem Wasserglas schwimme oder in der Kalahari Gras fressen muss, sondern ein gesunder Mensch bin, der aus seinen Fehlern lernen darf.


(28) Versöhnung mit dem Christkind.

 Kolumnentext in den OÖN vom Dienstag, 15. Dezember 2020


Nein, ich bin nicht feige, sondern nur um Harmonie bemüht. Zugegeben, dass ich mich ausgerechnet heute, eine Woche vor dem Heiligen Abend mit dem Christ-kind versöhnen will, ist auch eine Vorsichtsmaßnahme. Ich möchte dem Total-ausfall an Geschenken entgehen, ich habe mir den einfach nicht verdient. Ich bin zwar mittlerweile gegen Weihnachten einigermaßen immun, aber wenn jemand gerne schenkt, dann bitte gerne, ich sträube mich nicht. Warum soll ich einen Mitbürger enttäuschen, der dem Glaubenssatz, dass Geben seliger als Nehmen ist, treu bleiben will? Also halten wir fest: ja, ich nehme die Geschenke gerne an.

Die Vorzeichen, dass ich heuer Besuch vom Christkind bekomme, stehen ganz gut, denn immerhin hat mich der Krampus ignoriert. Ein deutliches Indiz dafür, dass ich brav war. Allerdings hat auch der Nikolaus auf mich vergessen, doch ich schreibe das seiner Überlastung zu, anders kann’s nicht gewesen sein. Womit ich eine Freude hätte? Ach, da gäbe es so einiges. Weltfrieden zum Beispiel, die Abschaffung jeglichen Hungers, Heilmittel gegen alle schlimmen Krankheiten, allen voran gegen COVID und Krebs. Doch machen wir’s dem armen Christkind nicht so schwer, da gibt’s Dinge, die sind machbarer, viel leichter umsetzbar. Also, liebes Christkind, vergessen wir unsere Unstimmigkeiten, du hast völlig freie Hand, ich freue mich über (fast) alles.
 
Das mit dem Versöhnen, das muss tatsächlich was auf sich haben. Immer wieder macht's wer, und wenn's im Fernsehen passiert, kann es schon mal zum Weinen werden. Haben Sie das eigentlich schon mal versucht, dieses Versöhnen? Oder haben Sie das nie gebraucht? Ich würd's wirklich gerne probieren, bring's aber nicht so richtig hin. Was ist daran so schwer, warum will das nicht funktionieren? Männer weinen ja nicht, die haben in ihrer Kindheit ein Gelübde abgelegt, das gefälligst zu unterlassen. Die haben ihren Mann zu stehen, und richtige Männer haben ihre Gefühle im Griff. So wie Indianer keinen Schmerz kennen und bekanntlich nur die Harten durchkommen, so vergießen diese seltsamen Typen eben auch keine Tränen. Erst dann, wenn der Zug abgefahren ist, dann heulen sie richtig los.

Außerdem ist im Normalfall der andere schuld, so wäre eigentlich der dran, den ersten Schritt zu tun. Man(n) hat selbst kaum was falsch gemacht, nur ganz wenig. Nein, da lassen wir die Kirche schon im Dorf, der andere ist schuld. Und was hilft uns das? Nichts, gar nichts, denn Bauchweh haben wir ungeachtet des Schuldanteils trotzdem. Ein weiteres Problem gibt's noch. Warum spricht man von Versöhnen, wenn zwei Menschen eine Sache aus dem Weg räumen, einen Streit beilegen oder ähnlich Schönes zuwege bringen? Als wenn zwischen Mutter und Tochter immer alles rund laufen würde. Lustig klingt's zudem, wenn sich zwei Schwestern gegen den Vater verbrüdern. Da haben die Gender-Experten und -innen noch was zu bereinigen.
 
Apropos reinigen. Waschen Sie sich eigentlich täglich? Im Grunde geht's mich ja nichts an, aber denken Sie mal drüber nach. Wie viel Zeit verbringen Sie mit Körperpflege? Es gibt für fast alles Statistiken, so auch für's Waschen und der-gleichen. Herr Österreicher widmet 30, Frau Österreicher ca. 40 Minuten täglich der Körperhygiene. Was die Psychohygiene betrifft, gibt's keine vergleichbaren Zahlen. Vielleicht sind sie zu klein oder sie interessieren einfach keinen. Sollten sie aber, denn da gibt's vermutlich Verbesserungspotenzial. Vielleicht ist's ein erster Schritt, die Begriffe abzuklären, soviel Zeit muss sein. Dabei ist's ganz einfach definiert: Psychohygiene umfasst alle Maßnahmen, die geeignet sind, Geist und Seele gesund zu erhalten. Nur keine Panik, das ist durchaus kein unanständiges Ansinnen. Was beim Körper mittlerweile ganz normal ist, hat beim Geist einen eigenartigen Beigeschmack, etwas von abnormalem Verlangen, von Krankheit oder Weichei. Und das will man(n) auf gar keinen Fall sein.

Jetzt, wo ich mich mit dem Christkind versöhnt habe, geht's mir gleich viel besser. Ich überlege mir umgehend noch jemanden, mit dem ich das durchziehen möchte. Denken Sie nach, Ihnen wird sicher auch wer einfallen, der Ihnen am Herzen liegt. Es wär' grad ein sehr guter Zeitpunkt, was haben wir schon zu verlieren? Starten wir im Jänner wohlgelaunt, mit weißer Weste und frischen Texten ins neue Jahr. Also, brav daheimbleiben und achtsam sein. Prosit 2021.

(27) Weihnachtsmann, bitte in den Zeugenstand.

 Kolumnentext in den OÖN vom Dienstag, 8. Dezember 2020


Geschichten im Allgemeinen und Weihnachtsgeschichten im Besonderen sind ja vom Wahrheitsgehalt her sehr mit Vorsicht zu genießen. Wer hat schon tat-sächlich einmal ein fliegendes Rentier gesehen? Na also. Andererseits, muss man wirklich für eine Erzählung vom Nikolaus eine eidesstattliche Erklärung abgeben, oder muss eine Anekdote vom Krampus unbedingt einer Plagiatsprüfung stand-halten? Nein, muss alles nicht sein. Auch was den Beitrag solcher Texte zur Erziehung unseres Nachwuchses betrifft, ist die Sache äußerst fragwürdig. Mal ehrlich, wo liegt der pädagogische Nährwert eines Märchens, in der ein junges Geschwisterpaar eine gebrechliche alte Frau mitten im Wald in einem Ofen verbrennt? Mir blieb dieser Nährwert bisher verschlossen. War diese Geschichte vielleicht ein Aufruf zur Selbstjustiz oder wollten die Grimms nur eine Diskussion über die Strafmündigkeit von Kindern anzetteln? Zudem bleibt unbeantwortet, wie Hänsel und Gretel diese Moritat psychisch verkraftet haben. Doch bleiben wir zunächst bei Weihnachten. Egal, welcher Konfession man mich zuordnet, was Weihnachten betrifft, kann ich garantiert keine Pluspunkte sammeln. Aus der katholischen Kirche bin ich schon vor vielen Jahren ausgetreten. Für ein besseres Karma im Buddhismus habe ich schon zu viele Ameisen und anderes Kleingetier auf dem Gewissen. Für einen guten Hindu ist mein Verzehr an Rindfleisch zu groß, und für einen braven Moslem fehlt mir der Bartwuchs, zudem würde Mohammed meinen Alkoholkonsum beanstanden. Ich kann mich also, was meine Einstellung zu Weihnachten betrifft, ungeniert und ohne weitere Nach-teile befürchten zu müssen, literarisch austoben. Los geht's.
 
Weihnachten, das Fest der Liebe. Was die katholische Kirche von jeher propa-giert, wird durch Statistiken eindrucksvoll bestätigt. Im September kommen, neben dem Juli, am meisten Kinder zu Welt, weltweit ohne größere Abwei-chungen. Was nach Adam Riese, dem Meister der Grundrechnungsarten, bedeutet, dass um die Weihnachtszeit herum am meisten gekuschelt wird. Weihnachten ist aber auch in anderer Hinsicht das Fest der Liebe, nämlich jenes der Liebe zum Alkohol. In Österreich steigt im Dezember der Alkoholkonsum im Vergleich zu den Vormonaten um über 30%. Was zugleich zur Folge hat, dass die depressive Stimmung zu dieser Zeit im Lande merklich zunimmt. Vielen Mit-menschen wird ihre Einsamkeit dann überdeutlich vor Augen geführt.

Wissen Sie eigentlich, warum wir Weihnachten feiern? Anzunehmen, doch mehr als ein Drittel der Kinder in Deutschland weiß das nicht (FAZ-Umfrage 2018). Die Palette der Antworten ist groß und teilweise skurril, reicht vom "Todestag des Weihnachtsmannes" bis zu "weil die Oma kommt". Nur 15% der Kinder bringen dieses Fest irgendwie mit Jesus in Zusammenhang. Ernüchternd, oder, wo doch die "Rettung des Handels und der Wirtschaft" die richtige Antwort wäre. Und es nervt sicher nicht nur die Kinder (31% der 8-12-Jährigen), dass es schon Monate vor Weihnachten nach Weihnachten aussieht. Von der akustischen Zwangsbe-rieselung, die oft schon Ende Oktober beginnt, gar nicht zu reden. 

Durchschnittlich 365€ gaben Herr und Frau Österreicher 2019 für Weihnachts-geschenke aus. Er bzw. sie legt also an jedem Tag des Jahres einen Euro zu Seite, um das Umfeld, dass ohnehin schon alles hat, zu den Feiertagen nochmals zu beglücken. Ob die derart Verwöhnten die Dinge nun brauchen oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Die Erwartungen des Handels für 2020 sind etwas niedriger, aber nicht etwa, weil wir sparsamer oder gar vernünftiger geworden wären, allein der Virus und die damit verbundenen Einschränkungen sind schuld.

Weihnachten hat unbestritten Verbesserungspotenzial. Im Lauf der Jahrhunderte hat sich vieles überlebt, so manches verändert, Schwachstellen tun sich auf. Keine Sorge, ich will dieses verrückt schöne Fest nicht abschaffen, doch über Verbesserungen nachzudenken muss ja nicht gleich mit einem Fixplatz im Fegefeuer einhergehen. Liebes Weihnachts-Team, verehrte Friedens- und Geschenkebringer, seid mir bitte nicht ungehalten. Ich freue mich auch auf dieses Fest, ganz ehrlich, aber ich bin nun mal ein Verbesserungs-Junkie. Strengen wir uns gemeinsam an, damit's endlich was wird mit dem Frieden auf Erden. Und den Weihnachtsmann entlassen wir jetzt aus dem Zeugenstand, denn er hat in den nächsten Tagen viel Wichtiges zu erledigen.

(26) Von Bits und Bytes erschlagen.

 Kolumnentext in den OÖN vom Dienstag, 1. Dezember 2020

Die Corona-Krise beflügelt so einiges. Neben dem Absatz an Brotbackautomaten und Küchenmaschinen wenig überraschend auch die Internet-Nutzung. Home-Office, Home-Schooling und manch andere "Errungenschaften" wären ohne Breitband-Internet undenkbar. Woher wüsste man sonst, dass das Klopapier knapp wird und Bill Gates die Weltherrschaft anstrebt? Doch manchmal, da reicht's einfach, dann ist's wie mit der Sonne: aus der wohltuenden Wärme wird ein veritabler Sonnenbrand. Man braucht den Input, aber zu viel ist einfach zu viel. Bei den Informationen geht’s mir derzeit genauso, der Kopf ist voll.

Sie sind wichtig, ja sehr wichtig für viele unserer Entscheidungen. Der Bauch reicht da als Entscheidungsträger schon lange nicht mehr, Instinkte, Reflexe und Erfahrun-gen ebenfalls nicht. Zu komplex ist unsere Welt geworden, allerdings dürfen wir nicht jammern, immerhin haben wir sie maßgeblich mitgeformt. Der Herrgott hat da was ordentlich Komplexes geschaffen, und wir haben dann noch eins draufgesetzt. Jetzt haben wir die Sache nicht mehr im Griff, die Flut an Bits und Bytes, an Text, Bild und Ton überfordert zusehends unsere Sensorik. Die Wahrnehmung für die wesentlichen Dinge geht verloren, Gefühle verkümmern. Wir können jederzeit nachschauen, wie das Wetter morgen am Kilimandscharo wird oder wie schwer ein Straußenei ist, doch was fangen wir damit an? Richtig geraten, nichts. Deswegen, weil wir wahrscheinlich nicht vorhaben, uns morgen Nachmittag dort in die Sonne zu setzen und auch nicht, Palatschinken aus Emu-Eiern zu kredenzen. Und damit ist die Information nutzlos, es wird kein brauch-bares Wissen draus, weil wir das Empfangene nicht konkret anwenden. Wir werden nicht gescheiter, um keinen Deut. Dass Informationen essenziell sind, steht außer Zweifel, davon war schon Ende des 15. Jahrhunderts Christoph Kolumbus überzeugt:

Zuverlässige Informationen sind unbedingt nötig für das Gelingen eines Unternehmens.

Und, was haben sie dem großen Seefahrer gebracht, diese ach so zuverlässigen Informationen? Er hat nicht nach Indien gefunden, sondern rein zufällig Amerika entdeckt. Und wir dürfen morgen gar nicht fort, sondern trinken unseren Kaffee zuhause, gänzlich unabhängig vom Wetter am Kilimandscharo. Es ist wie so oft im Leben: wir sehen und denken in zwei Kategorien. Schwarz oder weiß, links oder rechts, gut oder böse. Sieht der eine Experte in der Information die „Währung der Demokratie“, so ist sie für den anderen die „schmutzigste Währung der Welt“. Und wir als Nicht-Experten stehen dann im Regen. Zudem stellt sich die Frage, wie viel dieser „neuen Währung“ wir wirklich benötigen, um unseren Alltag zu bewältigen.

Eine von Rolf Dobelli in seinem Bestseller „Die Kunst des klugen Handelns“ angeführte Studie aus den USA brachte dazu interessante Ergebnisse. Amerika-nische Studenten wurden befragt, welche der beiden US-Städte mehr Einwohner hat, San Diego oder San Antonio? Magere 62% entschieden sich für die richtige Antwort, San Diego. Stellte man deutschen Studenten die gleiche Frage, so tippten 100% richtig. Die Begründung: die US-Studenten kannten naturgemäß mehr amerikanische Städte, so auch die beiden genannten, sie hatten mehr Informationen und damit die Qual der Wahl. Die deutschen Studenten kannten überwiegend nur San Diego, San Antonio war nur den wenigsten geläufig. Daraus schlossen sie auch, dass San Diego die größere Stadt ist. Mehr Information führt also nicht zwingend auch zu besseren Entscheidungen. Eine neue Erkenntnis? Nicht ganz, denn schon Goethe stellte vor über 200 Jahren treffend fest:

"Mit dem Wissen wächst der Zweifel". 

Und Goethe hatte noch kein Internet, das ihn überforderte. Riskieren wir doch einfach, wieder mit weniger Informationen auszukommen und geben wir über-dies unserem Bauch die Chance, mitzuentscheiden. Er machte seine Sache im Verlauf der Geschichte oftmals ganz gut, hat uns zuverlässig beraten. Vor allem in zwischenmenschlichen Belangen, bei Entscheidungen, wo’s um Menschen geht, dürfen wir unseren Gefühlen ruhig mehr zutrauen. Vielleicht hatte der Schöpfer das sogar im Sinn, genau dafür das Vertrauen erfunden und uns das Internet erst sehr viel später beschert.


(25) Augen zu und durch.

 Kolumnentext in den OÖN vom Dienstag, 24. November 2020


Wir schreiben den 24. November, in genau einem Monat ist Heiligabend. Auch Steyr rüstet sich, ich hab's am Stadtplatz bemerkt. Da wird gehämmert, ge-zimmert und beleuchtet, als wenn das Christkind eine Einflugschneise brauchen würde. Für eine Flucht wäre es zwar noch nicht zu spät, allerdings wird's heuer etwas schwieriger, dem Trubel zu entkommen. Es gibt weniger Fluchtorte, weniger Fluchtflugzeuge, viele Zufluchtsstätten sind geschlossen, manche bleiben es vielleicht für immer.

Wie schon viele Jahre zuvor dachte ich auch diesmal, dass ich gegen Weihnachten immun bin, mir dieser grässliche Konsumterror nichts anhaben kann. Und wie-der habe ich mich geirrt. Je näher dieses eigenartige Fest kommt, umso mehr ist mir nach Davonlaufen. Als ich Ende Oktober mit dem ersten Weihnachtslied in einem Kaufhaus gequält wurde, begann mein Leiden. Es hatte fast 20 Plusgrade, ich schlenderte nur mit T-Shirt bekleidet durch die Enge. Natürlich hatte ich dazu eine passende Hose an, sonst hätten Sie's ja in der Zeitung gelesen, aber Sie wissen schon, worauf ich hinauswill: es war einfach zu warm zum Schneien. Und außerdem, falls doch Schnee vom Himmel fiele, so ist es doch klar, dass der leise rieseln würde. Sollte er etwa laut rumpeln? Ein Text, der wirklich nahegeht. Dazu noch die Flut an frischem Plunder. Die Schoko-Nikoläuse, Keramik-Engerl und Christbaumkugeln haben keine Skrupel, sich ungebremst und ungehemmt zu vermehren, für mich beginnt eine schmerzliche Zeit. Eine Zeit des Glitzers, der Scheinwelten und der Enttäuschung, auch darüber, dass ich's mit der Immunität wieder nicht geschafft habe. Also was tun, wenn Wegschauen nicht funktioniert und Weglaufen nicht möglich ist?
 
Kennen Sie die Geschichte von Archimedes und vom Auftrieb? Er saß in der Badewanne und löste das Rätsel mit der goldenen Krone. Der Auftrieb ist gleich dem Gewicht der verdrängten Flüssigkeit. "Heureka!", hat er gerufen. "Ich hab's!", jubelte er und lief nackt auf die Straße. Und wir verstehen heute, warum Schwimmen im Salzwasser weniger anstrengend ist.

Ich saß nicht in der Badewanne, sondern in der Sauna und dachte über eine Strategie nach, Weihnachten schadlos zu überstehen. Zumindest geistig, den körperlich gibt's kein Entrinnen, dazu ist die Vielfalt an leckeren Keksen zu verlockend. Beim dritten Aufguss kam mein persönliches Heureka: da ist doch seit Urzeiten was im Reptiliengehirn verankert. Ja, wir Menschen haben sowas auch, es wird manchmal sogar als unsere Lebensversicherung bezeichnet. In diesem uralten Teil des Gehirns ist festgelegt, wie wir uns in bedrohlichen Situationen verhalten.

Wenn man etwas nicht mag, sich vielleicht sogar davor fürchtet, kennen Lebe-wesen seit jeher zwei Strategien, die Situation zu überstehen. Die Entscheidung für eine Variante muss dabei blitzschnell erfolgen, es geht ja um's Überleben. Möglichkeit eins, Angriff, schließe ich aus, da bin ich zu sehr Pazifist, außerdem kann man(n) Weihnachten nicht einfach mit dem Besen vertreiben. Mit Er-tränken hab' ich's schon einmal versucht, Weihnachten hat's überlebt und ich hatte drei Tage Kopfschmerzen. Möglichkeit zwei, die Flucht, wird dieses Jahr erschwert, die Reisebeschränkungen sind zu groß. Schweißgebadet fiel mir eine dritte, in der Tierwelt gängige Variante ein: Totstellen, bis die Gefahr vorüber ist. Das Fest der Stille und des Friedens kommt jedes Jahr ein bisschen früher, eine Überschlagsrechnung ergab, dass es mitsamt Vor- und Nachlaufzeit zumindest fünf Wochen bleiben wird. Ich will mich aber nicht wochenlang totstellen. Also gebe ich zumindest Ruhe und versuche, den Verbündeten von Weihnachten gegenüber tolerant zu sein, das wäre ein guter Kompromiss. Ich weiß, meine Weihnachtsallergie spielt sich hauptsächlich im Kopf ab. Es wird heuer ohnehin anders, so wie auch Ostern anders war. Wir haben's überstanden, mag sein, dass mit gutem Willen die angeblich schönste Zeit des Jahres sogar erholsam wird.
 
Wenn Sie mich in der Adventzeit irgendwann sinnierend und versuchsweise innere Ruhe verströmend auf einer Bank sitzen sehen, seien Sie unbesorgt, ich wurde nicht ausgesetzt, sondern ich übe mich in Gelassenheit. Gesellen Sie sich mit Ihrem Elefanten zu mir, füttern Sie mich mit Keksen und lassen Sie uns gemeinsam hoffen, dass der Rummel bald vorbei ist. Freude sei mit uns! Und Friede natürlich auch!

(24) Der Kampf der verkleideten Helden.

 Kolumnentext in den OÖN vom Dienstag, 17. November 2020


Ich hab's mit Zahlen, aber das wissen Sie ja bereits. Und ich liebe Statistiken, sogar solche, die ich nicht selbst gefälscht habe. Noch nicht verrückt genug? Kalendarische Daten, die mag ich besonders gerne. Zum Beispiel 202011111111.
Können Sie damit was anfangen? Jawohl, das war letzte Woche am Mittwoch, am 11. November 2020, da war um 11 Uhr 11 offizieller Faschingsbeginn. Wenige hatten Lust zu feiern und am Abend gibt's zurzeit Corona-bedingt nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten. Ich habe mich wenige Tage vorher schon ver-kleidet, ein neues Kostüm ausprobiert. Es war nicht besonders einzigartig und auch nicht ausgesprochen lustig, es ergab sich einfach so. Ganz freiwillig war die Maskerade allerdings nicht, denn der Auftrag war unmissverständlich: verkleiden und ausrücken.
 
Keiner hat gelacht über mein Kostüm, schon gar nicht der keuchende Herr, den ich dann mit dem Rettungswagen abgeholt habe. Der war nämlich krank, hatte Atembeschwerden und Schweißausbrüche. Klarer Fall von Corona-Verdacht, daher rein in die Verkleidung und den armen Kerl ins Krankenhaus bringen. Und wie es in Kostümen nun mal so ist, man(n) schwitzt über Gebühr. Dabei dauerte der Auftritt nicht einmal eine Stunde, dann war's gottseidank wieder vorbei. Mein junger Kollege hatte bereits Erfahrung mit dem unlustigen Kostüm, für mich war's das erste Mal. Mittlerweile hat sich der Verdacht nicht bestätigt, der Test war negativ, was sich zwar auf meine Stimmung positiv auswirkte, mich trotzdem oder vielleicht gerade deswegen nachdenklich stimmte. Das Thema hatten wir schon einmal: Respekt und Wertschätzung. Nicht schon wieder, werden Sie sagen, fällt dem nichts anderes ein? Doch, da fallen mir vor allem jene ein, die sich diesen Respekt jeden aufs Tag neue verdienen. Ich meine jene Menschen, die den ganzen Tag in dieser Montur herumlaufen, schwitzen und Verantwortung tragen. Die DÜRFEN nachts nicht raus, sondern die MÜSSEN, weil andere sie brauchen. Weil andere sterben würden, wenn es die vielen Helfer in den unlustigen Verkleidungen nicht gäbe, die sich Nächte und Wochenenden um die Ohren schlagen.

Der heurige Fasching dauert noch bis zum 16. Februar 2021, es bliebe also genü-gend Zeit, andere Kostüme zu probieren, aber ich will das nicht, im Moment ist's nicht lustig genug. Und wer weiß, was Corona bis dorthin alles einfällt. Apropos einfallen, ein Kostüm fällt mir da trotzdem ein, das ich gerne tragen würde: Zorro, der möchte ich manchmal sein. Jener mutige Reiter, der sich im Schutz der Dunkelheit tollkühn auf Balkone in obersten Etagen hochschwingt, den Böse-wichten die Leviten liest und meist junge, hübsche Damen aus ihren Fängen befreit. Zu guter Letzt hinterlässt er seine Visitenkarte auf der Stirn des Übel-täters. Zack, zack, zack, drei Striche, ein stilvolles Z mit der Peitsche auf seine Stirn gezeichnet, eine schmerzliche Erinnerung, die sich der Gauner hoffentlich merken wird.

Mit dem Blondl aus Übersee würde ich's genauso machen, dem gehören für sein Demokratieverständnis und seine Menschenverachtung viele dieser Z verpasst, auf alle nur erdenklichen Körperstellen. Ohne Peitsche, versteht sich, im Grunde meines Herzens bin ich ja Pazifist, ein paar Henna-Tattoos müssten daher reichen. Aber diesen Traum kann ich mir abschminken, Donald schläft meist zu hoch oben, hat zu viele Body Guards und mit einem Pferd geht da sowieso nichts. Diese Aufgabe muss dann schon Spiderman übernehmen, ich werde ihn demnächst darauf ansprechen.
 
Wir können bei der Lösung unserer aktuellen Probleme weder mit Zorro noch mit Spiderman rechnen, wir müssen das alleine schaffen. Ganz so alleine doch wieder nicht, denn wir sind als Gesellschaft stark. Dann, wenn wir auf politisches Hick-Hack verzichten, das Gemeinsame wieder in den Vordergrund stellen und unse-ren Lebensstil an die schwierige Situation anpassen, wird der Spuk irgendwann ein Ende haben. Ein wenig Durchhaltevermögen wird schon erforderlich sein, die Verantwortung, was die Corona-Zeit mit und aus uns macht, trägt jeder einzelne von uns mit.

Wir alle sind die Helden und brauchen dazu kein Kostüm, sondern lediglich Einsicht und Vernunft. Ach ja, bitte Respekt und Wertschätzung nicht vergessen. 
 

(23) Vom Leben im Schussfeld

 Kolumnentext in den OÖN vom Dienstag, 10. November 2020

Jüngst stand ich im Mittelpunkt. Manche, die mich kennen, könnten einwerfen: Was will der Typ, was jammert er so? Er ist doch Lehrer, der sollte doch gewohnt sein, dass die Blicke auf ihn gerichtet sind. Bin ich natürlich, und ich jammere auch nicht, sondern ich genoss die Situation, um die's hier geht. Ich stand also da, erhobenen Hauptes in der Mitte des Steyrer Stadtplatzes und gab mich meiner Stimmungslage hin. Mit geschlossenen Augen verharrte ich reglos und ließ geschehen. Die Autos um mich waren mir gleichgültig, ich war durch eine Horde steinerner Krieger vor den Blechkarossen geschützt. Zwischendurch blinzelte ich, drehte mich langsam und betrachtete die historischen Fassaden um mich. Ich kam so richtig ins Schwärmen. Was für eine tolle Stadt, was für ein groß-artiges Land. Wenn da nicht …….

Szenenwechsel. Rudi Anschober bei der täglichen Pressekonferenz, der gefühlt vierhundertsten. Er steht erhobenen Hauptes vor den Kameras, blinzelt und blickt um sich. Langsam drehen kann er sich jetzt nicht, das käme im Fernsehen ganz blöd rüber. Aber was kann der gerade genießen? Jeder will was wissen, fast jeder will ihm was anhaben. Nein, nicht dass Sie denken, ich beschütze ihn, ich sei vielleicht gar sein Fürsprecher. Der Anschober ist auf mein Wohlwollen nicht angewiesen, doch so schön wie ich hat er's momentan nicht.


Zurück nach Steyr. Es staut an den Stadteinfahrten, das Trinkwasser schmeckt nach Chlor und der Verlust vieler Arbeitsplätze steht im Raum. Die Stadtpolitiker haben derzeit gewiss Wichtigeres zu tun, als sich mit mir am Stadtplatz zu erfreuen, zudem würde ihnen das Gejammere rundum die Freude vermiesen. Ich vergönne ihnen aber zumindest ruhige Momente, um sich bei einem Blick aus dem Fenster an Steyrs Fassaden zu laben. Sowas tut einfach gut, denn auch sie sind in diesen Tagen nicht zu beneiden.Es liegt einiges in der Luft zurzeit, viel Verunsicherung ist zu spüren. Und was machen wir? Wir schüren diese Verun-sicherung. Warum muss Opposition eigentlich immer bedeuten, dass das, was der andere macht, von Haus aus schlecht ist? Ist es denn wirklich so abwegig, die Ideen und Bemühungen anderer anzuerkennen?

 

Menschen, die es gerade einmal schaffen, sich beim Schachtelwirt (für Nicht-Insider: der Mäci ist gemeint) für eine Sauce zur zähen Semmel zu entscheiden, kritisieren, kommentieren und beschimpfen unsere Entscheidungsträger aufs Gröbste. Nun, die sind ja einiges gewohnt, sonst wären sie nicht dort, wo sie heute sind. Die "da oben" haben schon eine dicke Haut, aber irgendwann ist Schluss mit lustig. Es fällt manchen Zeitgenossen offensichtlich leichter, ihre Katzen und Hunde mit Leckerlis, gar mit Liebe zu überhäufen, als den Mit-menschen den gebührenden Respekt für ihre Anstrengungen zu zollen. Zuge-geben, unsere Volksvertreter haben sich in den letzten Legislaturperioden nicht mit Ruhm bekleckert, man mag die Namen schon gar nicht mehr hören und auf ihre Gesichter in den Medien könnte man liebend gerne verzichten. Immerhin haben wir eine funktionierende Justiz und genügend demokratische Mittel, um Änderungen herbeizuführen.

In ihrer kleinen, überschaubaren Welt machen manche, dem Anschein nach "brave" Bürger nichts anderes, als vor Kurzem in Wien passierte. Jugendliche randalieren in Kirchen, fernab jeglichen Respekts und jeglicher Achtung vor Weltanschauungen, die Grundregeln menschlichen Miteinanders missachtend. Der Friede beginnt in einem selbst. Den großen Weltfrieden einzufordern und im Kleinen unentwegt Giftpfeile zu verschießen, das passt nicht zusammen, das hat was von Scheinmoral.

Und dann gibt's da welche, die sich freiwillig in die Mitte stellen und sich be-schießen lassen. Das ist ihr Job, meinen Sie? Das haben sie sich selbst ausge-sucht, meinen Sie? Natürlich wurde keiner von denen zwangsbeglückt, so was geht nur in einer Monarchie. Der Prinz muss irgendwann nachrücken, doch Prinzen werden meist gefeiert, nicht beschossen. Ich weiß, es gibt Monarchen, Politiker, Manager und auch jede Menge Normalsterbliche, da wär's durchaus zu überlegen, ob man sie nicht zumindest mit faulen Eiern bewirft. Sparen wir uns doch die Giftpfeile und die faulen Eier, denken wir wieder einmal in Ruhe darüber nach, was Mensch sein bedeutet: Fehler machen, daraus lernen und gemeinsam daran wachsen. Es lohnt sich, wir schaffen das, miteinander und füreinander.

(22) Iannis und der Wein der Weisen

 Kolumnentext in den OÖN vom Dienstag, 3. November 2020


Ich geb’s zu. Ohne jegliche Reue gestehe ich, schwach geworden zu sein. Nein, keine Frauengeschichte, ich bin einzig dem verlockenden Ruf des Meeres erlegen und trotz kleiner Gewissenbisse im September nach Griechenland geflogen. Und wäre mir die Sache mit Iannis nicht passiert, hätten Sie’s nie erfahren. Warum ich das gerade jetzt erzähle? Weil Iannis mir was Ungewöhnliches nach Steyr mitgab. Nein, keine Sorge, Corona war’s nicht und Iannis selbst war's auch nicht, dazu liebt er die griechische Sonne zu sehr. Er schenkte mir Weisheiten, die ich gerade gut gebrauchen konnte.

 

Nicht alle Hellenen sind weise, das wissen wir spätestens seit deren Staats-schuldenkrise von 2010, aber Iannis ist einer, ein Weiser, auch wenn man’s ihm nicht auf den ersten Blick ansieht. Man muss schon länger mit ihm beisammen-sitzen, um sein Potenzial zu orten. Ich habe das riskiert und es war gut so. Hier nun, wie es dazu kam.

Iannis ist ein Grieche, wie er im Buche steht, einer vom Typ Alexis Sorbas. Die Haut sonnengegerbt, die Haare für einen Spät-Fünfziger bereits erstaunlich weiß, der Schnauzbart struppig und der Blick verwegen. Ihm gehört die Taverne neben meiner Frühstückspension, am dritten Abend kamen wir zur Sperrstunde ins Gespräch. "Jamas." Die Gesprächseröffnung von Iannis war kurz und, wenn man ehrlich ist, auch inhaltsleer. Sein Schnapsglas binnen Sekunden ebenso, meines durfte sich etwas länger seiner Fülle erfreuen, denn ich trinke keinen Schnaps. Bis Iannis das bemerkte, lag er bereits drei Ouzo voraus, meinen leerte er noch obendrauf. Ich hatte nicht vor, ihn einzuholen, zumindest nicht beim Ouzo-Verzehr. Reden wollte ich mit ihm, über dies und jenes, über Gott und die Welt. Und Corona ließ sich leider nicht vermeiden.

 

Er akzeptierte meine Entscheidung für Retsina, den Wein der Weisen, und ich sah es als einen Akt der Fairness, alsbald Promillegleichstand herzustellen. So konn-ten wir schließlich auf Augenhöhe philosophieren, zumal unser beider Englisch mittlerweile vergleichbar beschwingt war.


Wir diskutierten über Tourismus, Ernährung, Umweltverschmutzung und vieles mehr. Und als der Retsina schließlich zu schmecken begann, fand sogar das Wetter Aufnahme in unsere Geisteswelt. Allerdings nur kurz, das sei zu unserer Entschuldigung angemerkt. Zudem ließen wir die Themen Fußball, Sex und Politik aus, dazu äußern sich Philosophen unseres Kalibers nicht öffentlich. Doch ungeachtet des Themas, Iannis begann seine Ausführungen stets mit der gleichen Phrase: „I tell you, my Austrian friend ….!“

 

Leider traf er damit eine wunde Stelle in meiner Psyche, denn das Thema Freund-schaft war zurzeit nicht gerade positiv besetzt. Ich zuckte jedes Mal zusammen, wenn er mich mit „My friend“ ansprach. Und so kam’s nach dem gefühlt zwanzigsten Zucken, dass das Thema Freundschaft zum Gespräch anstand. Ich erzählte meinem neuen „Greek friend“ davon, dass zuletzt einige Freund-schaften, von denen man(n) im Allgemeinen ohnehin nicht viele hat, im Sande verliefen. Ohne besondere Vorfälle und ohne böse Worte, sie liefen einfach aus. Und das machte mir ein wenig zu schaffen, ich grübelte nach dem Warum, leichte Vorwürfe inklusive.

 

Jedermanns Freund ist niemands Freund. Alt, aber wahr, sogar wahrer als früher. Wie viele Facebook-Freunde haben Sie? Keinen? Sie sind nicht auf Facebook? Ungeachtet, wie viele Freunde Ihnen damit entgehen, seien Sie stolz auf sich. Ich habe mich breitschlagen lassen, und ein bisschen schäme ich mich dafür. Betrachten Sie das bitte als mildernden Umstand. Iannis versuchte, mich mit einem Hinweis zu trösten: „My friend, don’t worry about friendship.“ Wird eine Tür zugeschlagen, tut sich eine neue auf, so zitierte er den griechischen Volks-mund. Ich wollte ihn ob seines redlichen Bemühens nicht belehren, dass das eigentlich eine österreichische Weisheit ist. Und auf einmal war's 3 Uhr morgens und die Philosophen waren sehr müde. Jetzt in wenigen Sätzen zusammenzu-fassen, wie wir die Welt retten wollen, ist unmöglich. Nur so viel sei verraten: Verlässlichkeit, Respekt und Toleranz spielen dabei eine wichtige Rolle. Für Freundschaften und eine funktionierende Demokratie gilt das im Übrigen genauso. Vielleicht gibt's da rundum Luft nach oben?

 

Doch ist die Welt überhaupt noch zu retten? Haben wir uns die Rettung verdient? Wenn ich daran denke, was wir Mutter Erde bisher angetan haben, muss ich ernsthaft daran zweifeln. Nach ausreichend Zufuhr von Ouzo und Retsina kamen wir zum Schluss, dass es zumindest für uns zwei gut sei, weiterzuleben. Es war uns ja außer reisebedingt überdurchschnittlichem CO2-Ausstoß keine größere Verfehlung vorzuwerfen. Dass an diesem Abend auch der Getränkeumsatz überdurchschnittlich war, betrachteten wir nicht als Verfehlung, sondern als bescheidenen Beitrag zur Förderung der leidgeprüften Gastronomie. Die Welt retten zu wollen, verlangt eben manchmal ein schmerzliches Opfer. Die Kopf-schmerzen hatten bis zum Abend zwar nachgelassen, dennoch vermied ich es vorsichtshalber, Iannis gleich wieder zu treffen.

 

Zwei Monate und viele COVID-Statistiken später fällt mir der weise Grieche wieder ein. Respekt und Toleranz, gelebt in Freundschaften und Gesellschaft, das könnte uns jetzt tatsächlich weiterhelfen.


(21) Kampf der hohlen Phrasen

 Kolumnentext in den OÖN vom Dienstag, 27. Oktober 2020


Eigenverantwortung, Hausverstand, Vernunft, Rücksicht und Corona.

 

Was haben diese Begriffe gemeinsam? Sie kommen nicht drauf? Dann sind Sie am richtigen Weg, der Lösung bereits sehr nahe. Na, haben Sie’s jetzt? Gratuliere. Nichts, da passt gar nichts zusammen, am besten vergessen Sie diese Wörter rasch wieder. Wenn’s darum geht, eine Krise zu bewältigen, kann man damit bestenfalls hohle Phrasen basteln. Alles nur abstrakte Begriffe ohne praktische Bedeutung, die zudem nichts miteinander zu tun haben. Genau so gut könnte ich die Wörter Vorschlaghammer, Haschisch, Meerschweinchen und Pizza anein-anderreihen. Reine Willkür, dem Zufall geschuldet. Gut, da würde ich bei meiner blühenden Fantasie trotzdem einen Zusammenhang finden. Sie glauben's mir nicht? Eine leichte Übung, alsdann:

 

Ich habe mein Meerschweinchen wegen groben Ungehorsams mit dem Vor-schlaghammer zermalmt, anschließend die Pizza damit belegt. Und damit's besser mundet, diese zum Schluss mit einem Hauch Haschisch abgeschmeckt, so wie man das ja auch manchmal bei Keksen erfolgreich macht.

 

Sie hätten's mir besser ohne Beweis glauben sollen, dass ich Fantasie habe, jetzt habe ich Ihnen wohl den Appetit verdorben. Der ist mir allerdings schon lange vergangen. Sobald ich was von Eigenverantwortung oder Vernunft höre, be-komme ich Pusteln. Sofort sehe ich vor meinem geistigen Auge den Papier-container unweit unseres Hauses. Davor liegt ein Haufen Pizza-Reste, vermutlich von der Meerschweinchen-Pizza, daneben ein ausgedienter Kühlschrank. Wahr-scheinlich hat der sich geweigert, die Pizza aufzunehmen und wurde ebenfalls mit dem Vorschlaghammer gekillt. Das hat er jetzt davon, aber was kann ich dafür? Warum muss ich mich jetzt vor Ratten ekeln, die sich um die Pizza-Reste streiten? Etwa, weil meine Mitmenschen bereits zum Frühstück Haschisch konsumieren und den Papier-Container nicht mehr als solchen erkennen? Sehen so Hausverstand und Vernunft aus?


Es scheint schon länger so zu sein oder war's von jeher so, dass Vernunft und Hausverstand nicht automatisch zur Grundausstattung des Normalbürgers gehören. Daher haben wir auf demokratischem Weg Führungskräfte rekrutiert, die für uns die Denkarbeit übernehmen. Die haben sämtliche Informationen, die Ausbildung und das ehrliche Bemühen, uns die schweren Entscheidungen abzunehmen.

 

Jetzt dürfen Sie, bevor Sie weiterlesen, kurz nachdenken und gegebenenfalls schmunzeln. Keinesfalls laut lachen, das wäre viel zu gefährlich.

 

Manch einer wird nun einwenden, dass diese Dinge ohnehin gar nicht soooo wichtig sind, wie uns die Politik das gerne weismachen möchte. Und es ist tatsächlich schwer zu argumentieren, wenn man nüchtern die Zahlen betrachtet. Zahlen lügen bekanntlich nie und das Internet sehr selten. Atmen Sie jetzt ein-mal richtig tief durch und riskieren Sie mit mir einen gedanklichen Ausflug.

Die Google-Suche nach Eigenverantwortung ergibt fast 4 Millionen Treffer, jene nach Vernunft etwa 15 Millionen und der Hausverstand knackt knapp die Million. Dem gegenüber steht die Suche nach einigen Grundnahrungsmitteln ganz anders da. Bier als Suchbegriff führt zu 120 Millionen Treffern, der Wein hat stolze 102 Millionen aufzuweisen. Verstehen Sie, worauf ich hinauswill? Die Bedeutung dieser schwammigen Begriffe, die uns alle retten sollen, wird ganz und gar über-bewertet, die Nahrungsaufnahme ist das, was den Normalbürger beschäftigt. Haben wir genug zu essen und zu trinken? Das sind die Kernfragen. Corona hin oder her, aber wer möchte schon gerne verhungern, wer verdursten? Und fast noch wichtiger scheint vielen, sich am Abend unters Spaßvolk mischen zu können, um sich ohne die Einhaltung irgendwelcher Schutzmaßnahmen auszu-toben. Solange es dumme Mitbürger gibt, die unverfroren und stolz in den Medien kundtun, auf sämtliche Maßnahmen zu sch…, also zu verzichten, haben die Einschränkungen ihre Berechtigung.


Die geistig beschränkte Fraktion provoziert die Rücksichtsvollen damit, ihre Stammtische und Sauf-Feten in den privaten Bereich zu verlegen. Bevor ich’s vergesse: der Spaß als Suchbegriff führt zu über 300 Millionen Treffern. Gott behüte, wenn diese Zahlen tatsächlich den Zustand unserer Gesellschaft spiegeln.

 

Die Reduzierung der sozialen Kontakte ist demnach eine klare Fehlansage. Seien wir doch ehrlich und lassen wir das Gefasel von der Eigenverantwortung. Ein großer Teil der Bevölkerung kann diesen Begriff nicht einmal richtig schreiben, geschweige denn leben.

 

Die Lösung? Ich kenne sie nicht, vertraue dennoch ein wenig darauf, dass unsere demokratisch legitimierten Entscheidungsträger zu unser aller Wohl denken und agieren. Manche der Maßnahmen mögen unkoordiniert, vielleicht über's Ziel geschossen erscheinen, trotzdem müssen wir uns eingestehen: die Normalbürger haben's verbockt. Bei wenigen Plusgraden über ein Stück Stoff vorm Mund zu jammern, aber bei 35 Grad im Auto freiwillig Kapuzenpullover und Kappe tragen, wo steckt da die Logik? Und eine weitere traurige Einsicht müssen wir hin-nehmen: Einstein hatte recht, nicht das Universum ist unendlich, sondern lediglich die Dummheit des Menschen. Möge auch dagegen bald ein Impfstoff gefunden werden.

(20) Zahlenlust statt Zahlenfrust

 Kolumnentext in den OÖN vom Dienstag, 20. Oktober 2020


Ich feiere gerade meinen Namenstag. Wobei feiern nicht ganz stimmt, ich denke einfach dran, weil es diesmal ein interessantes Datum ist. Ansonsten feiert kein Mensch mehr Namenstag, Brunner's ganz gewiss nicht. Wir feiern genauso wenig den Tag der Badehose, den Tag der Buttermilch oder den Tag der Nicht-raucher, obwohl dieser schon denkwürdig wäre, immerhin haben wir was Beachtliches geschafft. Wir rauchen seit Jahrzehnten nicht mehr, ich erinnere mich sogar genau an meine letzte Zigarette, ans Datum und an den Ort. Trotzdem, wir feiern dieses Ereignis nicht, sondern erfreuen uns still an der permanenten Nikotinfreiheit. Ja, wir sind sehr zufrieden mit uns, auch in anderen Belangen. Zum Beispiel im Umgang mit Corona.

Tag für Tag werden wir mit Zahlen überhäuft. So und so viele Corona-Infizierte, dort ein neuer Rekord und hier eine neue Schreckensbilanz. Ich mag gerade nicht mehr, ich habe diese Zahlen satt. Man kann sie allerdings nicht wegleugnen, und genau deswegen mag ich sie nicht mehr. Doch ich mag Zahlen grundsätzlich, ich spiele mit ihnen, sie faszinieren mich und lenken mich ab. Ich nehme mir vor, nicht mehr über Corona, Infizierte und Tote zu schreiben. Nicht daran zu denken, wird schwierig werden, die Fakten sind nun mal da und allzu leicht plakativ in Zahlen zu verpacken.

 

Man schreibt Samstag, den 10. Oktober 2020. Was daran interessant ist? 10102020?  Lesen Sie’s ein zweites Mal, dann klingelt’s vielleicht. Der zehnte Tag im zehnten Monat, demnach 1010, im Jahr 2020. Nicht nur, dass 2020 das Doppelte von 1010 ist, bemerkenswert ist auch die Ziffernsumme: 1+0+1+0+2+0+2+0 ergibt als Ergebnis 6. Eine derart niedrige Ziffernsumme eines Datums ist selten und wird’s so bald nicht wieder geben. Jetzt raten Sie bitte, wann die 6 das nächste Mal wieder kommt. Oder geht’s etwa noch kleiner? Wenn Sie in diesen Tagen erstmals in die Schule gehen, die nächsten Jahrzehnte gesund essen und außerdem Glück haben, dann könnten Sie zu dieser Zeit sogar noch am Leben sein. Haben Sie die Lösung gefunden? Gut, dann setz ich jetzt eins drauf, immerhin möchte ich Sie fordern und ablenken. Damit Sie zur Ruhe kommen und mental gestärkt in den Herbst gleiten.


Nehmen wir an, die medizinischen Standards bleiben zumindest gleich gut und Ihre Lebensweise ist einigermaßen vernünftig. Welches Datum Ihres hoffentlich weiterhin beschaulichen Daseins hat die höchste Ziffernsumme? Ich helfe Ihnen gerne, aber erst am Schluss dieses Textes, zuvor lesen Sie bitte geduldig weiter.

 

Wie wichtig, wie sinnvoll ist es wirklich, sich am Ende eines anstrengenden Tages an irgendwelchen Leistungswerten zu messen? Ein kleiner Virus führt uns vor Augen, wie fragil unsere Systeme sind, wie abwegig unser Denken von „Schneller-Höher-Weiter“ ist. Ist es nicht allein schon ein großartiges Gefühl, gut für sich selbst sorgen zu können, Einsichten zu gewinnen und in eine Gemeinschaft eingebettet zu sein? Kochen, reden, lachen und genießen Sie wieder miteinander. Wofür uns der Sinn seit langem verlorenging, weil vieles zu selbstverständlich wurde, dafür müssen die Menschen anderswo kämpfen, auf-opfernd und häufig ohne Perspektive. Aber sie tun’s, sie wehren sich unver-drossen und geben nicht auf. So wünsche ich den Menschen in Weißrussland von Herzen, dass ihr friedlicher Kampf erfolgreich ist.

 

Warum ich Ihnen das alles erzähle? Weil Ablenkung gerade in dieser eigenartigen Zeit vonnöten ist, andere Gedanken guttun und Perspektiven notwendig sind. Die WHO warnt bereits eindringlich vor den psychischen Folgen der Pandemie, also waschen Sie sich nicht nur weiterhin brav die Hände, sondern achten Sie zudem penibel auf Ihre Psychohygiene. Abstand halten? Ja gerne, in Metern. Gedanklich und emotional dürfen wir allerdings bedenkenlos ein bisschen mehr zusammen-wachsen. Mein bescheidener Beitrag dazu: Ich verrate Ihnen jetzt die Lösung zum Zahlenrätsel. Die Ziffernsumme 6 beim Datum gibt’s das nächste Mal frühestens am 2. Jänner 2100, geschrieben als 02012100. Am Tag zuvor geht’s sogar noch kleiner, nämlich am 1. Jänner, geschrieben als 01012100, da ergibt die Ziffern-summe 5. Wollen Sie diesen Tag miterleben, dann sollten Sie auf sich achten und außerdem ernährungstechnisch gut für sich sorgen. Auf Steyrs Märkten geht das ja ganz gut.


Ach ja, die Lösung der Zusatzaufgabe, das Datum mit der höchsten Ziffernsumme im Verlauf Ihres Daseins bin ich Ihnen noch schuldig. Es ist der 29. September 2099, folglich 29092099, damit ist die Ziffernsumme 40. Ich wünsche Ihnen gutes Gelingen bei Ihren persönlichen Ablenkungen. Belohnen Sie sich und feiern Sie ausreichend, meinetwegen auch den Tag des Waschlappens oder den Tag der Teelichter. Hauptsache, Sie trotzen Corona erfolgreich und werden genüsslich alt.

(19) Von Lebensrettern und Brückenspringern

 Kolumnentext in den OÖN vom Dienstag, 13. Oktober2020


Ein sonniger Tag im Spätherbst. Standort Steyr Zwischenbrücken. Ich befand mich auf der Ennsbrücke, lümmelte mit den Ellbögen am Geländer. Genau über der Mitte des Flusses, von mir exakt vermessen und markiert. Nein, nicht wie die Hunde das machen, mit einem Bleistift hatte ich ganz dezent ein Kreuzchen auf den Handlauf der Brücke gesetzt. Verbotenerweise, deswegen sehr dezent. Die Mittagssonne wärmte mir den Rücken, ich war total entspannt. Ein herrlicher Anblick, wie sich die Wässer von Steyr und Enns tosend vereinigen, ein berau-schendes Farbenspiel. Ich hätte allen Grund gehabt, glücklich zu sein, war ich aber gerade nicht. Durchaus zufrieden ja, allerdings nicht so richtig glücklich. Was war los mit mir? 

"Tun Sie's bitte nicht, es wird schon wieder. Das Leben ist doch so schön.“ Ich drehte den Kopf, hinter mir stand ein Herr mittleren Alters, als Tourist verkleidet und Corona-konform maskiert, trotz dieser Sprechbehinderung mit unverkenn-bar norddeutschem Akzent. "Was bitte, soll ich nicht tun? Und was wird schon wieder?" Viel konnte ich mit der Anmache des Germanen auf Anhieb nicht anfangen. "Springen Sie nicht, junger Mann, tun Sie's nicht." Dass er mich mit „junger Mann“ ansprach, machte ihn sogleich sympathisch, ja doch, der ist nett. Ein deutscher Tourist, aber trotzdem nett. "Wie kommen Sie drauf, dass ich springen möchte? Ich finde auch, dass das Leben schön ist." 

"Na, sie wirken irgendwie traurig, gar nicht lebenslustig", erklärte er mir. Wenn der jetzt auf meine körperlichen Wehwehchen anspielt, allesamt vom exzessiven Sport, dann hat er seine Sympathiewerte sofort wieder verspielt. Nein, die konnte er nicht gemeint haben, ich hatte mich ja kaum bewegt. Meine fallweise arthrotische Gangart war es demnach nicht. Was dann hatte ihn zu meiner Rettung veranlasst? 

„Ich stehe öfters hier, es ist ein großartiger Anblick. Hunderte Male hab‘ ich den bereits fotografiert. Wollen Sie sehen?“ Ich wollte rasch wieder meine Ruhe haben und auf den Fluss starren, deshalb durfte der Deutschmann einen Blick in die Fotosammlung meines Handys machen. Nach etwa 50 Flussfotos machte ich Schluss, so dicke Freunde waren wir nun auch wieder nicht.  Ich dankte meinem Lebensretter und versuchte, ihn zu beruhigen. "Seien Sie unbesorgt, guter Mann, ich mach's nicht, ich springe nicht. Versprochen." Ich lächelte ihn ziemlich gekünstelt an, was ihn zwar nicht überzeugte, aber er zog doch kopfschüttelnd von dannen. Er ging Richtung Schloss Lamberg und bog in die Enge ab, also wählte ich instinktiv die andere Richtung, steuerte zielsicher den Gastgarten beim Hotel Minichmayr an. Ein Blick auf die Uhr, es war fünf vor zwölf. Das muss ein Zeichen des Himmels sein, der will was von mir. Abgesehen von der symbol-haften Wirkung dieser Uhrzeit, ab 12 Uhr, da erlaube ich mir ab und zu ein kleines Bier, es war also an der Zeit. Heute wollte ich die Gastronomie rechts der Enns fördern, ich ließ mich genüsslich und etwas nachdenklich nieder. Was stimmte nicht mit mir, dass man(n) mich retten wollte? 

 

Während des Verzehrs des Mittags-Seiterls kam schleppend die Erleuchtung: verwöhnt bin ich, schlichtweg verwöhnt. Ich betreibe Jammern auf aller-höchstem Niveau. Darf in einer wunderbaren Stadt leben, bin gesund, brauche nicht zu hungern, kann meinen Durst nach Belieben stillen, habe ein Sparbuch und genug WC-Papier zu Hause. Habe Freunde und erfüllende Aufgaben, auch an Anerkennung mangelts nicht. Und ich schaff’s trotzdem nicht, gute Laune zu verbreiten? Ein Tourist will mich retten? Jetzt reicht’s, du Jammerlappen, Schluss damit. 

 

Ein Superspreader möchte ich sein, ein Superspreader der guten Laune. Ja, ich werde Lächeln versprühen und hoffnungsvoll auf den Schneeball-Effekt warten. Wenn's daneben geht, habe ich eben für mich gelächelt. Ich werde trotzdem zufrieden nach Hause gehen und zieh mir zum Trost ein paar Kabarett-Videos rein. Mit Geschichten von Hader, Gunkl und Co bin ich gut versorgt. Zunächst jedoch starte ich meinen Gute-Laune-Versuch und drehe auf dem Stadtplatz ein paar Runden.  Sollten Sie in den nächsten Tagen in der Innenstadt jemanden unaufhörlich lächeln sehen, rufen Sie nicht gleich die Polizei, sondern lächeln Sie zurück. Den ersten Dreien, die mitmachen und mich zusätzlich mit dem Code-wort "Buburuza" ansprechen, spendiere ich ein ebensolches Tüten-Eis. Na, wenn diese Delikatesse kein Anreiz ist, ist Ihnen wirklich nicht zu helfen. Erfreuen Sie sich doch an der wilden Schönheit des Zusammenflusses von Enns und Steyr, Sie dürfen gerne meine Markierung auf der Ennsbrücke benutzen, der Standort ist vielfach erprobt. Zum Fotografieren, zum Träumen und zum Glücklichsein. Es gibt kaum schönere Plätze in einer der schönsten Städte Europas, überzeugen Sie sich selbst auf meiner Homepage. 

 

Versprühen Sie hemmungslos Ihre Freude und lassen Sie Ihre Umwelt teilhaben. Bedanken Sie sich beim Schicksal, das es gut mit Ihnen meinte. Und ich danke zusätzlich meinem deutschen Retter, der mit Zivilcourage und putziger Maske mein Herz berührte. 

(18) Warnung: Wahrnehmung schlägt Wahrheit.

 Kolumnentext in den OÖN vom Dienstag, 6. Oktober2020


Wir haben einen neuen Holzboden im Esszimmer. Ist doch großartig, oder?  Ja, wir freuen uns wie kleine Kinder über ihr erstes Smartphone. Es war tatsächlich ein Riesensaustall, bis es soweit war. Tonnenweise haben wir Schlacke geschau-felt, unser Haus war für Tage in eine Staubwolke gehüllt und wir waren quasi vom Rest Steyr’s völlig abgeschnitten. Ohne die Weinvorräte im Keller und die tief-gefrorenen Pizzas wäre es um uns geschehen gewesen. Soweit, so uninteressant für Sie. Bisher, warten Sie’s ab. Der Eichenboden in dezentem Graublau, macht uns nicht nur viel Freude, sondern überdies sehr nachdenklich. Die existenzielle Frage, die seither im Raum steht, ist jene:

 

Gibt es auf Mutter Erde mehr dunkle, also z.B. dunkelbraune, oder mehr helle, z.B. blassgelbe Schmutzpartikel? Wirklich, diese Frage beschäftigt meine Er-nährungsberaterin und mich seit Wochen, wir fanden bis dato keine plausible Antwort. Allerdings sind wir hartnäckig, es wird weitergeforscht. Zudem lieben wir strukturiertes Vorgehen, eine Berufskrankheit, die uns auch in der Freizeit zu schaffen macht. Zunächst braucht das Forschungsprojekt einen klingenden Namen, sollte es wider Erwarten von allgemeinem Interesse sein und die Medien neugierig machen. Wir entschieden uns nach reiflicher Überlegung für den Namen "Wuzerl-Phänomen". Soviel zur Entstehungsgeschichte, nun zu den wissenschaftlichen Details.

 

Bis vor wenigen Monaten dachte ich: Na klar, die dunklen Gestalten haben die Macht im Universum, man kennt das ja aus Science-Fiction-Filmen und sogar aus der Politik, da ist Österreich keine Ausnahme. Die dunklen Mächte im Hintergrund bestimmen, wo es lang geht, Lobbyismus nennt man das. Im konkreten Fall, also bei unserem Holzboden lagen die Argumente dafür nicht nur auf der Hand, sondern unübersehbar und in großer Zahl auf dem damals hellen Fichtenboden. Im Zuge der Erfüllung meines wöchentlichen Putzauftrages hatte ich sie zwar nicht gezählt, eine grobe Schätzung reichte mir aber völlig, um Gewissheit zu haben: die dunklen sind zurzeit eindeutig mehr. Was hat sich geändert? Etwa die Wuzerl-Population? Das Weltklima? Mein Wahrnehmungs-vermögen? Oder etwa alles zugleich? 

Bevor ich mich über Gebühr beunruhigte, ging ich dem Mysterium systematisch nach und begann mit einem ausgeklügelten Versuch. Kreativität ist ja nebst Hartnäckigkeit eine meiner wenigen Stärken, mit Computer-Unterstützung und penibler Dokumentation sollten die Ergebnisse auch in einer Experten-Runde bestehen können. Die Versuchsanordnung war gleichermaßen einfach wie genial. Ich entwarf eine Bildschirmseite, der Hintergrund war in der Farbe unseres alten Fichtenbodens, darauf platzierte ich willkürlich verteilt 27 kleine Kreise in der Farbe von Nougatschokolade. Warum diese Wahl? Mit Schokolade kenn ich mich aus und 27 ist meine Lieblingszahl. Bei einer zweiten Bild-schirmseite war der Hintergrund in der Farbe des neuen Eichenbodens, also blaugrau, die 27 Kreise waren nun blassgelb wie ranzige Butter, wurden neu verteilt und repräsentierten die Wuzerl. Fehlte nur noch eine geeignete Test-person. Angesichts der späten Stunde – es war bereits kurz vor 23 Uhr - war die Auswahl gering, die Begeisterung meiner angetrauten Führungskraft hielt sich verständlicherweise in Grenzen. Aber was macht man nicht alles aus Liebe, wenn man schon nicht der Wissenschaft dienen will. Ich lockte sie mit einem Achterl Zweigelt vor den Bildschirm, hockte sie davor und erteilte ihr folgenden Arbeits-auftrag: "Ich werde jetzt die beiden Bildschirmseiten im 2-Sekunden-Takt mehrmals wechseln lassen. Beobachte bitte genau und sage mir dann, welche Wuzerl in der Überzahl sind, die hellen oder die dunklen." Eine klare Ansage, und los ging’s. Nach 7-maligem Wechsel der Seiten, wobei die Sieben nicht wissen-schaftlich fundiert war, sie ist ganz einfach meine zweitliebste Zahl, also nach diesen Wechseln gönnte ich meiner Gattin eine kurze Erholungspause. Sie belohnte sich im Anschluss an diese Phase der Hochkonzentration mit einem Beruhigungsschluck, atmete tief durch und stellte sich schließlich meiner Befragung.

 

„Und, welche waren nun mehr, die Wuzerl auf dem Fichtenboden oder die auf dem Eichenboden? Sag schon“, drängte ich aufgeregt. Und dann kam die über-raschende, aus dem Munde meiner sonst sehr entscheidungsfreudigen Gattin völlig unerwartete Antwort: „Ich weiß es nicht, keine Ahnung. Sind wir jetzt fertig?“ Sprach's, nahm ihr Weinglas und entschwebte ins Schlafzimmer. Plötzlich saß ich allein da mit meiner Versuchsanordnung, es blieb mir demnach nichts anderes übrig, als im Selbstversuch weiterzumachen. Nach drei Durch-gängen tendierte ich leicht zu der Annahme, dass die Schokolade-Wuzerl am Fichtenboden in der Mehrheit sind, was wahrscheinlich mit meiner Liebe zu Nougat zu tun hat, denn die Fakten waren mir als Entwickler des Experiments natürlich bekannt: wuzerl-zahlen-mäßig gibt's keinen Unterschied.

 

Kurz nach Mitternacht hielt ich es für angebracht, meine Studien wegen Müdig-keit und anbahnender Sinnlosigkeit abzubrechen. Obwohl, ganz so sinnlos waren meine Bemühungen doch nicht, ich hab' schon was gelernt, nämlich: Ob hell oder dunkel, ob mehr oder weniger, ob klein oder groß, sehr vieles im Leben ist ungeachtet der Faktenlage eine Frage der Perspektive, nicht zuletzt sogar eine Frage der Uhrzeit. Und Wahrnehmung hat nicht unbedingt auch etwas mit Wahr-heit zu tun. Nicht immer haben die recht, die am lautesten schreien, ob sie nun aus Nougat sind oder nicht.

(17) Der gemeine Tod der Klarheit.

 Kolumnentext in den OÖN vom Dienstag, 29.September 2020


„Unter den gegebenen Umständen unterm Strich eigentlich halbwegs gut.“ Raten Sie mal, wie die Frage auf diese mysteriöse Antwort gelautet haben könnte. Politisch Interessierte wissen das sofort, für die liegt die Lösung klar auf der Hand. „Wie geht’s dir denn?“, so war die Frage. Im Grunde einfach, oder? Warum ich auf diese banale Frage derart verschlüsselt antworte? Ich übe mich gerade in edler Distanz und Unverbindlichkeit. Ja nirgends anecken und schon gar nicht festlegen, so meine neue Devise. Und wo könnte ich das besser ausprobieren als zuhause, wenngleich mir meine Gattin bereits bei den ersten Versuchen deutlich zu verstehen gab, dass sie von dieser Sprechweise rein gar nichts halte, ihr reiche meine manchmal ohnehin komplizierte Denkweise allemal.

Keine Sorge, ich gehe nicht in die Politik, mit nichtssagenden Politikern sind wir ausreichend versorgt. Ich verspreche zudem bis auf weiteres, meine neue Strategie nur im heimischen Haushalt anzuwenden, wobei ich nicht ausschließe, die daraus gewonnenen Erkenntnisse im Bedarfsfall situationselastisch und heimlich in freier Wildbahn zu üben. Merken Sie’s, ein bisschen kann ich’s schon. Anscheinend bin ich talentiert, mein Haushaltsvorstand sieht das klarerweise anders. Sie meint, ich sei kompliziert, provokant und drücke mich nur vor klaren Aussagen. Allerdings ist auch meine Angetraute mit allen Wassern gewaschen: „Wir sollten uns überlegen, unseren unmittelbaren Wohnbereich in sehr naher Zukunft einer Überprüfung hinsichtlich der Sauberkeit zu unter-ziehen, um uns dann gegebenenfalls auf geeignete Maßnahmen zur Umsetzung der Mindeststandards zu einigen." Haben Sie's geschnallt? Das war ein unmiss-verständlicher Auftrag an mich, gefälligst sofort mit dem Staubsauger durch das Haus zu flitzen, bevor's kracht. Eine lustige Zeit hinsichtlich der internen Kommunikation bahnt sich bei mir zuhause an. Doch verlassen wir den engen Bereich des Brunner'schen Haushalts, wagen wir einen Blick in die große weite Welt, wie's denn dort in Sachen Kommunikation ausschaut. Und da gibt’s tat-sächlich Spezialisten, von denen man was lernen kann. Zum Beispiel vom großen Macker jenseits des großen Teiches.


Der posaunte noch vor wenigen Monaten hinaus, er hätte einen verdammt guten Job gemacht, wenn die Anzahl der COVID-bedingten Todesfälle in den USA unter 100.000 bleibt. Jetzt sind's bereits über 200.000, somit hat der Typ nach meinem Verständnis eindeutig keinen guten Job gemacht. Was daran habe ich da nicht verstanden, wenn der Blondl erneut lautstark kundtut, dass er alles im Griff habe und ohne ihn sowieso nichts ginge. Und er legt nach: wenn die Amerikaner ihn bei der nächsten Wahl nicht wieder ins Amt setzen würden, dann wären die USA wirtschaftlich dem Untergang geweiht. Gibt’s da etwa ein Kommunikations-problem? Wie hat er’s denn gemeint? Vielleicht, dass kulturell und moralisch der Zug ohnehin schon abgefahren ist? Dass der schnöde Mammon weiterhin die Welt nach Belieben regieren soll? God bless America – und uns natürlich ganz besonders. Jetzt bin ich doch tatsächlich bei der Politik gelandet, wo ich absolut nicht hinwollte. Natürlich kann man(n) sogar da was lernen, sich was abschauen, für die praktische Anwendung kann’s allerdings hilfreich sein, die eigenen moralischen Ansprüche etwas zurückzuschrauben. Im Grunde können wir uns den Sprung über den Atlantik sparen, denn auch hierzulande gibt’s kommu-nikationstechnische Wunder-Wuzzis. Nehmen wir beispielsweise den/die Minister/in .…... Verflixt, schon wieder Politik, irgendwie kommt man, wenn schlechte Beispiele für Vertrauenswürdigkeit, Kompetenz und Worttreue gesucht sind, an der Politik nicht vorbei. Und selbst wenn die Damen und Herren stumm wie Fische bleiben, wie es in verschiedensten Ausschüssen mittlerweile gängige Art ist, so sagen sie damit mehr als genug.

„Man kann nicht nicht-kommunizieren“, stellte der österreichische Kommunikations-wissenschafter Paul Watzlawick Ende der 1960er-Jahre treffend fest und entlarvte damit seine Pappenheimer. Leider hat meine beziehungsgestählte bessere Hälfte diesen Watzlawick ebenfalls gelesen, ich konnte es nicht verhindern. Aber so leicht lasse ich mir künftig nicht mehr in die Karten schauen, ich werde mein rhetorisches Geschick inklusive der Schweige-technik im geschützten Bereich zu einer Perfektion trainieren, die ihresgleichen sucht.


Erst, wenn ich diese Basics im Schlaf beherrsche, werde ich mich der hohen Schule der Kommunikation widmen, nämlich dem international bewährten 3-Schritt-Verfahren "Hinausposaunen - Relativieren - Zurückrudern". Dann könnte ich aber gleich in die Politik gehen. Spätestens an diesem Punkt wird mir meine allerliebste Führungskraft die Flausen aus dem Kopf und mich aus dem Haus treiben. Schade, wo ich doch derart lernfähig wäre, zumindest was die Theorie der zwischenmenschlichen Kommunikation betrifft. Alles klar?

 

(16) (K)ein Schiff wird kommen.

 Kolumnentext in den OÖN vom Dienstag, 22.September 2020


Wen wundert‘s, ich saß ja auch nicht am Meer, sondern am Steyrer Stadtplatz. Da kommen eben keine Schiffe, da konnte ich die griechische Schnulze noch so leidenschaftlich mitbrummen, es kommen trotzdem nur Autos. Keine Panik, ich mische mich jetzt nicht in die Diskussion um einen autofreien Stadtplatz ein, ich finde aber Autos genauso interessant wie Schiffe, es ist alles nur eine Frage der Einstellung. Keine Frage der Einstellung, vielmehr eine Frage der Reisebe-schränkungen war es aber, heuer das Meer nicht in natura zu sehen. Ich tröstete mich damit, dass das Meerwasser salzig und der Strand sandig ist, da war doch 16 Grad frisches Steyr-Wasser und runder Schotter, der nicht zwischen die Zehen kriecht, ungleich angenehmer. Ich zumindest mag das.

 

Also saß ich an einem heißen Vormittag im September gelassen im Sprühnebel des Leopoldi-Brunnens, für einen Schattenplatz war ich zu spät dran. Die besten Plätze waren bereits seit Stunden von den Dosenbierliebhabern, die sich laut-stark über die zu geringe Mindestsicherung beklagten, belegt. Begleitet wurden ihre Reklamationen von akustischen Meisterleistungen des Zwerchfells nach den regelmäßigen Schlucken aus den Alu-Dosen.

 

Mir gings aber nicht so sehr um einen Platz zum Entspannen, sondern um eine gute Beobachtungsposition. Und die hatte ich gefunden. Ich thronte wie ein Wächter leicht erhöht am Rand des Brunnens, mit den Füßen lässig pendelnd und den gesamten Stadtplatz überblickend. Kein Auto, welches diesen querte, entging meiner Begutachtung. Dabei waren mir die Blechkisten im Grunde egal, tote Materie, deren Bedeutung ohnehin überschätzt wird. Die Fahrer allerdings, die hatten’s mir angetan, die gaben aus psychologischer Sicht echt was her, da lohnte sich das geduldige Sitzen. Kennen Sie die landläufige These, dass Hunde-esitzer und deren treue Begleiter sich im Laufe ihres Zusammenlebens in Aus-sehen und Charakter immer ähnlicher werden?


Beispiele aus meinem persönlichen Umfeld bestätigen diese Annahme ein-drucksvoll. Bert zum Beispiel, der hat einen 10-jährigen Mischlingsrüden, den FRITZL, mit dem er gerne im Bergland seine Runden geht. Bertl wie FRITZL hecheln und sabbern bereits nach wenigen Höhenmetern im Gleichtakt, geben dennoch nicht auf. Oder der Herr M., der wohnt samt Frau und Schäferhund HASSO in der Nachbarsiedlung, Herrchen wie Hund ständig finster drein-chauend und sehr leicht reizbar. Oder die Claudia mit ihrem Spielzeugpudel, der DAISY, die mehr quietscht als bellt. Frauchen und Hund in einträchtiger Stimm-lage und in ebenso einträchtiger Haar- bzw. Pelztracht.

Doch zurück zum Stadtplatz, zurück zum Brunnen. Da tat sich ein ähnliches Phänomen auf. Irgendwann fuhr Ali vorbei, um genau zu sein, ALI 1, so besagte das Kennzeichen. Beide schwarz, protzig, laut und zudem fast gleichen Namens. Ali, der spätpubertäre Macho mit der Baseball-Kappe, natürlich verkehrt rum auf, und ALI 1, der schwarze 3er-BMW mit dem Sportauspuff. Bei Herrchen und Hund ist es ja so, dass die Partner gleichermaßen Lebewesen sind, deshalb bewegen sich beide in Richtung einer Annäherung, man passt sich also gegen-seitig an. Bei der Partnerschaft von Herrchen und Auto hingegen ist nur einer aktiv, ein Partner ist tote Materie, ändert sich charakterlich demnach nicht. So war es eben Ali, der sich seinem Blechhaufen unterwarf. Protzig, schwarz, laut und stinkend, irgendwann waren beide zwangsläufig im Gleichtakt. 

Ich brauchte nicht sehr lange auf das weibliche Pendant zu warten. Ein beige-färbiger Mini, dem das Dach fehlte und der mit seinem Kennzeichen kundtat, dass eine Dame unterwegs ist. LADY 1 kurvte um den Brunnen, ihre blonde Mähne flatterte im Fahrtwind. Mit erhabenem Rundum-Blick scannte sie ihre Umgebung, vergewisserte sich der Aufmerksamkeit der Gäste in den Schani-gärten und verließ mit ihrem Cabrio hüpfend über die Obere Kaigasse den Stadtplatz. Zwar nicht lady-like, aber erklärbar, denn aufgrund eines wichtigen Gesprächs mit ihrem Handy hatte sie keine Hand mehr frei, um den richtigen Gang einzulegen. Fürwahr ein peinliches Schicksal.


Sie werden mir vielleicht beipflichten, dass aus psychologischer Sicht und auch was den Unterhaltungswert betrifft, der Steyrer Stadtplatz einer Flaniermeile am Meer um nichts nachsteht. Geben Sie dem Heimatgefühl eine Chance und suchen Sie sich einen guten Sitzplatz im Zentrum. Fördern Sie die leidgeprüfte Steyrer Gastronomie durch ein wenig Konsumation und nehmen Sie sich genügend Zeit. Achten Sie dann bei den herumkurvenden Benzinkutschen auf Wunschkenn-zeichen, Fahrstil und Nebenbeschäftigungen beim Fahren, Sie werden sicher nicht enttäuscht sein. Urlaub in Österreich ist doch was richtig Interessantes und mitunter Lustiges. Und wenn man will, kann man da auch was lernen, z.B. mit sich selbst sehr zufrieden zu sein. Da ist ein Schulterklopfen schon mal angebracht.

(15) Wenn das Denken Pause macht.

 Kolumnentext in den OÖN vom Mittwoch, 16.September 2020


Um Greta ist es ruhig geworden. Mag sie vielleicht nicht mehr, ist ihr die Umwelt plötzlich egal geworden? Ach wo, freut euch nicht zu früh, ihr Klimaschädlinge. Sie nutzt die CORONA-Einschränkungen, um ihre Lerndefizite aufzuarbeiten. Immerhin hat sie so manchen Freitag und noch mehr geschwänzt, das kann nicht spurlos an einem jungen Menschen vorüberziehen. Ich habe, Sommerpause hin oder her, zwischenzeitlich trotzdem nachgedacht. Über die Gegenwart und die Zukunft, die Vergangenheit versuchte ich so gut wie möglich auszuschalten, ging aber nicht, da ist zu viel vorgefallen, mit dem wir heute und in Zukunft zu kämpfen haben. Doch wie geh‘ ich's an, um weiterhin zum Mitdenken anzu-regen? Erste Möglichkeit: Ich provoziere. Und los geht's.

Es gibt Mitbürger, deren Intelligenz mit der eines Pflastersteins durchaus ver-gleichbar ist. Nicht dass Sie glauben, ich hätte was gegen Pflastersteine, die erfüllen schon brav ihre Funktion. Und die übernehmen sich außerdem nicht, die machen genau das, wofür sie geschaffen wurden. Nein, die Menschen sind das Problem, da bezweifle ich schon sehr, ob ihr Tun mit ihrer Bestimmung einher-geht. Und das, meine ich, ist sehr wohl eine Frage der Intelligenz. Kein Affe würde den Baum, auf dem er sitzt, absägen. Und kein Fisch würde den See, in dem er sich tummelt, mit einer giftigen Brühe versauen. Aber wir, wir machen das, zuverlässig und todsicher.

Ich kann's nicht verhindern, gerade jetzt fällt mir dieser Burkhard ein. Es war kurz vor CORONA, Greta war gerade hochaktiv, ihre Themen in aller Munde. Ich zappte nach getaner, CO2-neutraler Gartenarbeit müde und mit dem verdienten Abend-Bier in der Hand durch die Fernsehlandschaft. Wahrscheinlich heißt der Typ gar nicht Burkhard. Ich nenne ihn trotzdem so, weil ich keine Burkhards mag. Besagter Mitmensch stand nach absolviertem Check-In gelöst in der Abflughalle des Flughafens herum. Neben ihm seine Thusnelda, die sicher auch nicht so heißt, aber ich mag auch keine Thusneldas und bestrafe die Dame mit dem aufdringlichen Ohrgehänge mit diesem Namen.


In den Medien wurde in diesen Tagen wieder einmal heftig über den CO2-Ausstoß von Flugzeugen, über die Ticketpreise und über die moralische Vertretbarkeit von Flugreisen diskutiert. So wurde Burkhard zufälligerweise von einem TV-Team auserkoren, dazu Stellung zu nehmen und gefragt: Haben Sie denn kein schlechtes Gewissen, angesichts der drohenden Klimakatastrophe auf Urlaub zu fliegen? Und er gab tatsächlich Folgendes von sich: „Ich bin schon so alt, ich muss auf die Umwelt keine Rücksicht mehr nehmen.“ Fletschte seine neuen, wahrscheinlich schweineteuren Beißerchen und grinste blöd in die Kamera, um dann im Flugzeug zu verschwinden. Thusnelda grinste zustimmend und solidarisch mindestens genau so blöd, um dann ihrem Herrn und Meister albern kichernd in das Flugzeug zu folgen.

 

Ich saß da, sprachlos, beinahe atemlos, und versuchte vergeblich, Burkhards verbalen Furz zu verdauen. Holt den Typen doch aus dem Flieger und sperrt ihn irgendwo hin, dachte ich bei mir. Ich schämte mich, obwohl Fremdschämen sonst ja nicht meine Sache ist, im Moment konnte ich aber nicht anders. Hat der Mensch noch alle Tassen im Schrank? Unsere Teenies reißen sich für die Rettung der Erde, für ihre und unser aller Zukunft den Arsch auf, und der Typ getraut sich derartigen Stumpfsinn von sich zu geben. Mein Respekt vor der älteren Generation fiel gerade ins Bodenlose, sowas muss erst einmal verdaut werden.

Das war im Februar, jetzt haben wir September und urlaubstechnisch eine Durststrecke hinter uns. Wie wird es wohl Burkhard gehen, hat er was gelernt? Bei Thusnelda schließe ich das aus, da gibt's ein hinderliches Abhängigkeits-verhältnis. Aber haben wir was gelernt? Nein, so leid es mir tut, denn umgehend kam die Bestätigung: Wir sind so blöd wie vorher, vor CORONA. Der Grad der Dummheit ist dabei alters-, geschlechts- und kulturunabhängig, auch Bildung ist kein sicherer Schutz vor anhaltender Beratungsresistenz. Warum ich das weiß? Nun, ich bat vor einigen Tagen einen erfahrenen Rettungskollegen um Hilfe, mir war bei Durchsicht der Lehrunterlagen für die Sanitäter-Ausbildung eine Sache unklar, ich brauchte Rat.


Die Antwort: "Das haben wir immer so gemacht, das hinterfragen wir nicht. Da haben sich schon Gescheitere Gedanken dazu gemacht!" Bumm! Das hat gesessen. Meine Antwort bedeutete die Aufkündigung jeglicher brauchbarer Zusammenarbeit, von Freundschaft ganz zu schweigen: "Wenn das jeder so sehen würde wie du, lieber Mann, würden wir heute noch auf allen Vieren herum-streunen oder auf Bäumen leben oder Gras fressen. Prost, Mahlzeit, Herr Kollege."

 

Wollen Sie das wirklich? Auf allen Vieren herumkriechen und Gras fressen? Wenn nicht, dann hinterfragen Sie weiterhin frech und denken Sie quer, ob's anderen nun passt oder nicht. Es geht immerhin auch um Ihre Zukunft.

 

(14) Die Pseudonym-Attacke. Ein Sommerloch-Krimi.

 Kolumnentext in den OÖN vom Dienstag, 14. Juli 2020


Jetzt ist es zu spät, Sie haben bereits draufgeklickt und sind mitten im vermeintlichen Krimi. Bevor Sie es selbst bemerken, muss ich ein Geständnis ablegen: Es gibt kein Sommerloch und schon gar keinen Sommerloch-Krimi. Das Einzige, was hier an einen Krimi erinnert, ist dieses Geständnis. Über Pseudonyme freilich, da kann man trefflich plaudern, sich so richtig aufregen, wenn's beliebt. Um die Experten geht’s, die sich zuhauf in unser aller Umgebung tummeln und eifrig Kommentare zu allen erdenklichen Themen erfinden. 

 

Wir haben für alles Experten, in großer Zahl und für jedes Problem. Oft scheint’s, wir haben zu wenige Probleme für zu viele Experten. Deswegen müssen sich diese die Probleme teilen, da bleibt die Legitimation oft auf der Strecke und es kommen Experten zu Wort, die anderswo besser aufgehoben wären. Zum Beispiel zuhause, im stillen Kämmerlein oder in der Garage. Gehört nicht auch dort einmal Ordnung gemacht, dringend sogar? LANA3 wäre sicher im Garten, beim Unkrautjäten eine Verstärkung. Oder PEBOHNE, der könnte sich beim Heckenschneiden nützlich machen. Und ALBTRAUMGIRL hat sicher eine Toilette zuhause, die dringend ihrer Zuwendung bedarf. Experten gehören in ihrem Spezialgebiet eingesetzt, da ginge echt was weiter. Gut, sie bringen auch so ordentlich was weiter, bei Tausenden von Online-Einträgen, da muss man schon dranbleiben. Allerdings erhärtet sich in mir der Verdacht, dass die Häufigkeit der Wortmeldungen nicht zwingend in einer direkt proportionalen Beziehung mit dem Intellekt der unbekannten Verfasser steht. Die mehr wort- als geistreichen Kommentare hören sich oftmals an wie eine Erleichterung, nämlich nichts sagen zu müssen und seinen Schwachsinn trotzdem bedenken- und gedankenlos in die Medienlandschaft entlassen zu dürfen. Man hätte ja durchaus Gelegenheit, das Geschriebene nochmals auf Inhalt und Grammatik zu überprüfen, bevor man’s in die weite Welt hinausposaunt, was ist daran so schwierig? Liebe Experten, glaubt es mir, das geht beim Schreiben. 


Beim Sprechen wird’s allerdings schon komplizierter. Ich stelle mir mit Grauen vor, wie diese Fachleute sich hinstellen und ihre Expertisen freimütig verbal kundtun. Außer Gestammel wäre da kaum was zu erwarten. Da ist zudem noch die Sache mit dem Pseudonym, es lohnt sich, einmal kritisch darüber nachzudenken. Wozu braucht oder missbraucht jemand diese Möglichkeit? Ist man(n) bzw. Frau vielleicht doch nicht der Experte, der man zu sein glaubt? Sommerfriede und Schwamm drüber, wir alle, die wir nachdenken und uns erst dann kritisch, jedoch wertschätzend, unter bestmöglicher Einhaltung der deutschen Grammatik, gezeichnet mit dem bürgerlichen Namen öffentlich artikulieren, wie auch jene, die von alledem bis auf's Veröffentlichen nichts dergleichen tun, wir alle haben uns eine Pause verdient. War das zu kompliziert? Dafür gibt's eben eine Sommerpause, genug Zeit zum Überlegen. 

 

Zum vierzehnten Mal darf ich Sie in meine Gedankenwelt mitnehmen, worüber ich sehr froh bin. Nicht nur darüber, dass es nicht bei dreizehn blieb, obwohl ich nicht sonderlich abergläubisch bin, aber man weiß ja nie. Vielmehr freut mich, dass ich Denkanstöße liefern durfte und hoffe, Sie hatten manchmal ähnlich viel Spaß wie ich. Manch einer mag sogar was gelernt haben, ich zumindest habe meine Erfahrungen gemacht, nicht nur, was die Experten betrifft. Zu guter Letzt, weil Sie vielleicht doch einen Krimi erwartet haben, ein paar Gedanken zum Thema Gerechtigkeit, da wird’s nämlich fast kriminell. Ich knüpfe dabei gerne an den Text meiner Donnerstag-Schreib-Freundin an. Wie geht’s Ihnen beim Thema Gerechtigkeit, sind Sie da sattelfest? Machen wir einen einfachen Test. 

Wie stehen Sie zur landläufigen Meinung, dass jedes Volk die Regierung hat, die es verdient? Also wir Österreicher unsere türkis-grünen Kommunikations-Experten, die Amis ihren schießwütigen Blondl, die Nordkoreaner ihren überfütterten Bombenbastler und die Briten ihren ständig unfrisierten Chaoten. Ach ja, dann noch die Brasilianer mit ihrem menschenverachtenden und mittlerweile angeschlagenen Besserwisser, der Kerl ist wirklich unbelehrbar. Alle miteinander sind sie ganz schwer auszuhalten, trotzdem sitzen sie an den Schalthebeln der Macht. 

 

Also, ist das gerecht? Haben sich all die rechtschaffenen Menschen, die im Schweiße ihres Angesichts das Bruttonationalprodukt eines Landes erarbeiten, das wirklich verdient, nur weil sie bei einer Wahl ihr Kreuzchen unbedacht gesetzt haben? Zugegeben, Nordkorea ist hier ein schlechtes Beispiel, da hat das Volk ja keine Wahlmöglichkeit, Demokratie ist dort absolute Fehlanzeige. Aber der Ami, der wurde tatsächlich von seinen Mitbürgern aus freien Stücken gewählt, jetzt haben die den Salat und zudem diesen gefährlichen Typen am Hals. Und wir natürlich genauso, denn auch wenn der große Teich uns geografisch trennt, die Gefährlichkeit des blonden "Master of Fake News" kennt keine Grenzen. 

 

Und wenn sogar in einer funktionierenden Demokratie, an der wir uns erfreuen dürfen, die Meinung lebt, dass recht haben und recht bekommen zwei Paar Schuhe sind, dann kann's um die Gerechtigkeit nicht gut bestellt sein. Es darf daher nicht verwundern, dass einzelne Geistesriesen sich eine "gemäßigte Diktatur" wünschen. Sollen diese Typen ausgestattet mit einem One-Way-Ticket gefälligst dorthin auswandern, wo es diese gibt und wohl-behalten Gerechtigkeit erleben. Es sei ihnen vergönnt und wir sind sie los. Alle anderen, Sie als kritische Leser besonders, mögen gesund und voller Zuversicht aus der Sommerpause zurückkommen, ich freue mich auf Sie und Ihre Rückmeldungen. Einen schönen Sommer, selbst wenn dieser sehr eigenartig ist, wünscht Ihnen  F.B.

(13) Von kühlen Schweden und gefährlichen Irrfahrten.

 Kolumnentext in den OÖN vom Dienstag, 7. Juli 2020


Ich mag die Schweden, und daher tun sie mir auch leid. Es ist zwar traurig, was dort oben gerade abgeht, ganz unschuldig sind sie an ihrem Dilemma allerdings nicht. Nicht das Fußvolk und schon gar nicht die politischen Entscheidungsträger, die haben nämlich beschlossen, in Sachen Pandemie auf die Eigenverantwortung und die Vernunft des Normalbürgers zu setzen. Und das ging, salopp gesagt, furchtbar in die Hose. Die Ein-schränkungen waren verglichen mit den Hotspots der Pandemie minimal, man baute auf den Hausverstand der schwedischen Bevölkerung, die Folgen sind bekannt, die COVID-Statistiken stellen der dortigen Strategie kein gutes Zeugnis aus. So gerne man im erfolgsverwöhnten Schweden in vielen Rankings meist weit vorne liegt, bei den COVID-Zahlen könnten die Wikinger gerne drauf verzichten.

Vor ein paar Tagen wurde mir innerhalb weniger Minuten dreimal demonstrativ vor Augen geführt: das wird auch bei uns nichts mit der Eigenverantwortung, vom Hausverstand ganz zu schweigen. Ein junger Mann um die 25 wartet auf den Bus, kurz bevor dieser bei der Station einfährt und vor ihm stehen bleibt, wirft er seinen Glimmstängel auf die Straße. Der Aschenbecher wäre zwei Meter daneben gewesen. Ein Mädchen um die 16, vielleicht eine Schülerin, kommt aus dem Supermarkt neben der Busstation, fingert einen Kaugummi aus der Verpackung, der Kaugummi landet bestimmungsgemäß in ihrem Mund, das Stück Alu-beschichtete Papier auf dem Boden, ebenso 2 Meter neben dem Müllcontainer. Und eine ältere Dame um die 70 füttert eine ungustiös wirkende Taube, die gurrend um den Papierkorb stolziert, mit überdimensional großen Stückchen einer alten Semmel. Man sollte wissen, dass das Füttern dieser Ratten der Lüfte in Steyr seit Jahren verboten ist, doch wie sonst sollten die armen Viecherl überleben? Überleben, das ist mal ein gutes Schlag-wort. Der eine Tschick-Stummel, das eine Kaugummi-Papierchen und das kleine Stück Semmel, das wird uns doch nicht gleich umbringen. Das Argument „Wenn das jeder machen würde“, das greift leider nicht, da wir ja wissen, dass es nicht jeder macht. Weil es immer noch ein paar Vernünftige gibt, die sich an Regeln halten oder zumindest Haus-verstand besitzen. Offensichtlich sind diese klar in der Minderheit.


Und noch was fehlt mir, um die Corona-Probleme ohne restriktive Maßnahmen bewältigen zu können: die Wertschätzung. Damit meine ich nicht den Vorgang, mit dem Herr und Frau, vor allem die Herren Österreicher, ihre geheiligten Blechkühe vor einem allfälligen Verkauf segnen, sondern was überaus Zwischenmenschliches. Mit Wertschätzung bezeichnet die Soziologie die positive Bewertung seiner Mitmenschen, den Respekt und die Achtung, die man voreinander hat. Sie vermissen das auch? Jenen, die meinen, sie lassen sich ihren Freiraum nicht nehmen, und schon gar nicht von einer Regierung, die sie womöglich selbst gar nicht gewählt haben, sei Folgendes fest und schmerzhaft auf's Auge gedrückt:

 

"Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt." 
Immanuel Kant (1724-1804)

 

Ob ich nun zu laut Radio spiele, herumgröle oder herumspucke, huste oder niese, Rücksicht und Freiheit sind kein Widerspruch, sondern eine sinnvolle Ergänzung. Wenn ich mich vor COVID fürchte (was ich nicht tue, sonst könnte ich meinen Rettungsdienst nicht ausüben), so ist das meine höchstpersönliche Angelegenheit und ich erwarte, dass meine Umgebung das respektiert. Das kennzeichnet demokratisches Verhalten und menschliche Reife. Nur von Wertschätzung war die Rede, da sind wir von Nächstenliebe oder irgendeiner Konfession noch ganz weit weg.

 

Liegt's einfach an der Zeit, der Klimaerwärmung, dem Bildungssystem, der elterlichen Doppelbelastung, dem Überfluss, der kulturellen Vielfalt, den offenen Grenzen oder dem Virus selbst, jeder findet da seine eigenen Erklärungen. Tatsache ist, dass vieles von dem, was vor kurzem noch sehr erfreulich erkennbar war, rasch wieder aus der Mode gekommen ist, nämlich Eigenverantwortung, Hausverstand, Respekt und Wertschätzung. Und gerade das sind die Eigenschaften, welche das Krisenmanagement von uns weiterhin erhofft. Verhaltensweisen, die wir für einen erfolgreichen Kampf gegen COVID dringend bräuchten, haben das Ablaufdatum nach und nach überschritten.


Wenn wir die kühlen Schweden schon überholen wollen (immerhin waren sie für den Sozialstaat Österreich oftmals Vorbild), dann bitte nicht bei deren pandemischer Irrfahrt und den COVID-Zahlen, sondern bei der Integrität, der Stärke und dem Zusammenhalt der Bevölkerung. Mitmachen erlaubt und sehnlichst erwünscht. Und wie die neuesten Entwicklungen zeigen, überdies äußerst notwendig.

(12) Von Gauklern und Verschauklern.

 Kolumnentext in den OÖN vom Dienstag, 30. Juni 2020


Schon am frühen Morgen, wenn mein Geist mühsam erwacht, warnen mich die penetrant fröhlichen Stimmen im Radio vor Produktplatzierungen, vor Ver-kehrsstörungen und Geisterfahrern. Und außerdem davor, dass manche gesund-heitsfördernde Produkte anscheinend gar nicht so gesund sind und ich daher vor Anwendung den Apotheker meines Vertrauens um das Gefährdungspotenzial befragen sollte. Für wen der Tag so beginnt, der ist für den weiteren Tagesverlauf bestens gerüstet und stets auf der Hut. Allerdings kann man aufpassen, soviel man will, es bleibt ein Restrisiko, trotzdem verschaukelt zu werden.

Hätte ich nicht so gute, zumindest alltagstaugliche Manieren, würde ich bei folgenden Geschehnissen glatt von Verarsche schreiben, aber ich mach' das natürlich nicht, wenngleich ich es als solche empfinde. Wie viele meiner Mitbürger drehe auch ich wieder genüsslich meine Erkundungsrunden in der Steyrer Innenstadt, um Bekannte zu treffen, mich auszutauschen oder eben nur des Aufsaugens des wieder erwachten Freiheitsgefühls wegen. Und ich stelle verwundert fest: es hat sich wenig verändert. Die augenfälligste Veränderung ist, dass einzelne Mitmenschen nicht auf Anhieb zu erkennen sind, weil sie nach wie vor einen trendigen Mund-Nasen-Schutz tragen. Im Einzelfall hat dies durchaus Vorteile, so braucht man beispielsweise eine unliebsame Person nicht zu grüßen oder gar anzusprechen, weil man sie ja nicht erkennt. Ich hab' das während der Masken-Hochkonjunktur mehrmals probiert, funktionierte einwandfrei und ich hatte absolut kein schlechtes Gewissen dabei. Warum denn auch, die anderen werden es vermutlich ähnlich praktiziert haben. Sollten die Masken eines Tages wieder gänzlich aus der Mode kommen, werden wir diese Möglichkeit der Grußverweigerung sicherlich vermissen.

 

Während ich so gemächlich durch die Enge Gasse schlendere und in die teils leeren Auslagen gaffe, befällt mich zwischendurch, wenn ich an befüllten Schaufenstern vorbeikomme, erstauntes Kopfschütteln. Da gibt’s Preise, die gibt's nicht. Da kostet ein Ding, das nicht näher genannt werden will, tatsächlich 179,99 Euro. Unglaublich, so günstig, der wunderbare Artikel hätte ja genauso gut 180 Euro kosten können. Aber nein, der selbstlose Anbieter verzichtet allen Ernstes auf einen Cent seines erzielbaren Ertrages und schenkt mir diesen. Ohne Gegen-leistung, einfach so. Ein wahrer Christ. Fast wäre ich geneigt, gerührt zu sein, beginne allerdings vorher zur Sicherheit ein Zahlenspiel. Man(n) möchte ja nicht umsonst weinen.

 

180 Euro sind 18.000 Cent (in Worten achtzehntausend), ein Cent davon ist demnach ein Achtzehntausendstel. Sie können zwar Bruchrechnen, sich diese Größenordnung dennoch nicht gut vorstellen? Nun, dann versuchen wir's auf österreichisch, rechnen wir mit Promille, da kennen wir uns besser aus. Also, ein Achtzehntausendsterl ist so viel wie 0,055 Promille. Ein wahrlich grandioser Preisnachlass, den der Normalverbraucher sogleich dankbar annimmt und den Händler fast flehentlich um die rasche Aushändigung der Ware ersucht. Ich aber fühle mich gerade so richtig verar..., also verschaukelt. Wer macht denn so was, und warum macht der das? Die Fragen sind rein rhetorisch, denn ich bin ja ein bisschen Betriebswirt und daher imstande, das Phänomen verständlich zu erklären, doch akzeptieren werde ich das nie und nimmer. Immerhin stellt da jemand provokant meinen Geisteszustand auf die Probe. Unabhängig davon, wie dringend ich dieses Ding auch bräuchte, sowas kann man mir nicht machen, ich kaufe ganz sicher nicht.

 

Zuhause angekommen und von den vielen Eindrücken des Window-Shoppings leicht genervt, beschließe ich, das Verschaukeln in Eigenregie fortzusetzen, wo's doch gerade so gut funktionierte. Ich starte auf meinem PC das Internet-Radio, entscheide mich für einen griechischen Musiksender mit unaussprechlichem Namen und lausche verträumt den unverständlichen Gesängen. Ich freue mich riesig, dass ich kein Wort verstehe und rede mir ein, nur sinnvolle Texte zu vernehmen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich recht habe, schätze ich auf magere 0,055 Promille, reicht trotzdem völlig aus, um mich für den Rest des Tages zu beruhigen.


Wollen Sie jetzt eine Moral von der Geschicht'? Sie sind geborener und/oder gelernter Österreicher und wollen allen Ernstes Moral einfordern? Lassen Sie das, das macht wirklich keinen Sinn. Solange ein Ibiza-Hauptdarsteller ohne auch nur ansatzweise rot zu werden wieder ein öffentliches Amt anstrebt und es zudem Preisnachnachlässe im Hundertstel-Promille-Bereich gibt, erlaube ich mir ruhigen Gewissens, auf Moral in meinen Texten zu verzichten. Seien Sie beruhigt, Sie kommen dabei nicht zu Schaden, denn im Alltag halt' ich's damit natürlich anders. Da sind mir Moral und Anstand schon wichtig, selbst wenn ich bei Maskenträgern manchmal auf's Grüßen vergessen habe.

(11) Das Leben ist (k)ein Wunschkonzert.

 Kolumnentext in den OÖN vom Dienstag, 16. Juni 2020


Das Leben ist kein Ponyhof und auch kein Wunschkonzert. Das mit dem Ponyhof, das ist mit ein wenig Fantasie halbwegs vorstellbar, ist ja ein durchaus konkreter Begriff. Deswegen bekommen viele Kinder diesen Satz im Verlauf ihres gedeihlichen Heranwachsens gelegentlich zu hören. Zum Beispiel dann, wenn ein ungewöhnlicher, meist mit Ausgaben verbundener Wunsch an den Entscheidungsträger, den pädagogisch gefinkelten Erwachsenen herangetragen wird und selbiger mit dem altbewährten Killerargument kontert. Nein, sicher kein Ponyhof. Da kann man bzw. Kind wirklich nichts einwenden. Beim Wunschkonzert sehe ich die Sache allerdings etwas anders, da gibt’s was zu erzählen und zu klären.

 

Wissen Sie, wann durchschnittlich freundliche Menschen sich am meisten gegenseitig was wünschen? Ohne irgendwelche Statistiken oder Google zu bemühen, bin ich mir fast sicher: es muss im Dezember sein. Beginnend im gar nicht mehr so stillen Advent hört man rundum vom Wunsch nach schönen Weihnachten, gutem Rutsch und einem guten neuen Jahr. Die Supermärkte fangen als leicht verzichtbare Trendsetter mit diesem Wunschkonzert oft schon im Oktober an, die lassen den Schnee bedenkenlos auch bei 20 Grad Plus aus den Lautsprechern rieseln. In Krisenzeiten, vor allem in der Phase der Hoffnung, dass das Schlimmste nun überstanden ist, wünscht der Mensch besonders gerne. Hören Sie mal in die Runde, was da alles gewunschen wird. Da ist der Wunsch nach Gesundheit noch der weitaus vernünftigere. Und läuft die Krise irgendwann langsam aus, werden wie gerade jetzt die Lockerungen spürbar, so werden die Wünsche deutlich abstrakter, viel unverbindlicher. Am Wochenende mehrmals gehört und daher ganz frisch im Ohr ist dabei folgende, inhaltsleere und an Dämlichkeit grenzende Phrase:

„Ich wünsch dir WAS.“


Na was jetzt? Was wünscht der mir? Was will der von mir? Fällt ihm wirklich nichts Gescheites ein? Vielleicht wünscht mir der Kerl sogar die Pest, einen Beinbruch, den Diebstahl meines Autos oder noch was Schlimmeres, eine böse Schwiegermutter zum Beispiel. Gott behüte, da such ich mir lieber selbst WAS aus und hätte für die Unentschlossenen umgehend ein paar Vorschläge:

 

Ich wünsche dir soziale Kontakte.

Ich wünsche dir nette Gespräche.

Ich wünsche dir Geborgenheit.

Ich wünsche dir erfüllende Arbeit.

Ich wünsche dir ein geregeltes Einkommen.

Ich wünsche dir Zufriedenheit.

Ich wünsche dir Zuversicht und Vertrauen.

Ich wünsche dir erholsamen Schlaf.

Ich wünsche dir, dass du dir keine Sorgen um die Zukunft machen musst.

Ich wünsche dir einen Partner, auf den du dich verlassen kannst.

 

Haben Sie für sich was gefunden, war was dabei? Wenn nicht, sind Sie vielleicht doch gut beraten, den unverbindlichen Wunsch des WAS dankend anzunehmen, es wird wahrscheinlich nichts Besseres mehr nachkommen. Da zumindest die theoretische Möglichkeit besteht, dass Wünsche wahr werden, wünsche ich mir was Vernünftiges, was richtig Brauchbares. Ich entscheide mich für Zufrieden-heit. Ja, das mache ich, verbunden mit der Option, dass diese Zufriedenheit auch ohne Rücksprache mit mir sich zu Glück auswachsen darf. Apropos Glück. Wissen Sie, was Glück ist, wie es definiert wird? Hunderte, ach was, Tausende Erklä-rungen gibt’s, doch eine aus dem alten Rom gefällt mir ganz besonders, weil ich deren Anwendbarkeit bereits mehrfach mit Erfolg prüfen durfte:

„Glück ist, wenn Gelegenheit auf Bereitschaft trifft.“


Seien Sie also bereit, eine Sache anzupacken, wenn der Zufall Sie überfallsartig herausfordert. Hilfsbereitschaft zu leben, ist eine unbeschreibliche Gelegenheit, sich im Glücklichsein zu üben. Nicht kompliziert und dennoch sehr wirkungsvoll. Sei es nun beim Roten Kreuz, beim Samariterbund, bei Caritas, Volkshilfe oder im ehrenvollen Alleingang, unabhängig von Alter, Herkunft, Konfession oder Partei-Färbung, rundum gibt es Mitmenschen, die uneigennützig Zeit und Energie opfern, um im Bedarfsfall zu helfen.

 

Glauben Sie's mir, es tut echt gut, ich bin schon längere Zeit mit Feuereifer dabei und bin, so munkelt sogar mein kritisches Umfeld, daran gewachsen. Jetzt wünsche ich Ihnen völlig selbstlos viel Glück bei ihrer persönlichen Glückssuche. Mögen Sie dann, wenn der Zufall Sie wie der Blitz streift, gewappnet sein für einzigartige Aufgaben und großartige Erfahrungen.

(10) Von Grenzerfahrungen, Physik und Geografie.

 Kolumnentext in den OÖN vom Dienstag, 9. Juni 2020


Nicht jeder von uns hat Grenzerfahrungen gemacht. Und je jünger Sie sind, umso weniger davon dürften Sie tatsächlich erlebt haben. Ich meine jetzt nicht die fehlenden Grenzen bei manch fragwürdiger Erziehungsmethode, auch nicht den mystischen, glitzernd-grellen Übergang ins Nirwana und die unverhoffte Rück-kehr ins irdische Dasein, nein, ich rede von jenen Grenzen, die wir Menschen uns ausdenken, emsig aufbauen und im Einzelfall irgendwann wieder einsichtig abreißen. Zurzeit wird viel über Grenzen diskutiert und philosophiert. Soll man(n) und Frau wieder nach Italien, Kroatien oder sonst wohin ans Meer dürfen? Unter welchen Voraussetzungen soll dies zulässig sein, womit ist zu rechnen, welche Risiken sind damit verbunden?

Wir haben im Lauf der Geschichte gelernt, mit Grenzen jeder Art umzugehen. Bei physikalischen bzw. physiologischen Grenzen ist das ja durchaus sinnvoll, für den Fortbestand der Art geradezu essenziell. Wenn wir auf einem Gipfel stehen, die Arme ausbreiten und hoffnungsvoll abspringen, so ist es sehr unwahr-scheinlich, dass wir unversehrt landen. Die Natur hat das dummerweise für uns nicht vorgesehen, die Physik ist einfach dagegen. Oder wenn‘s beispielsweise rundum lärmt und die Schmerzgrenze überschritten wird, dann verlässt man eben den Ort des Geschehens oder hält sich zumindest die Ohren zu. Oops, das war jetzt ein schlechtes Beispiel, denn manche Mitbürger machen genau das nicht, suchen vielmehr solche Orte freiwillig auf, um dort ungestüm herum-zuhopsen und gleichzeitig ihr Gehör zu ruinieren. Irgendwie scheinen zumindest beim Gehör die Schmerzgrenze und der Hausverstand nicht immer aufeinander abgestimmt zu sein. Aber was zum Teufel ist mit uns zivilisierten Menschen los, dass wir nebst natürlichen Grenzen darüber hinaus noch freiwillig jeder Menge unbequeme, oft sinnlose Schranken akzeptieren?

 

Reden wir mal über Länder- und Staatsgrenzen. Betrachtet man als geografisch interessierter Bürger die politischen Landkarten, so fällt auf, dass es anscheinend überwindbare und nicht überwindbare Barrieren gibt.

 

Grundsätzlich, also zumindest theoretisch, ist zwar jedes Hindernis überwindbar, ob nun Grenzfluss, Grenzzaun oder Grenzmauer, entscheidend ist aber doch, in welchem Zustand man sein Ziel erreicht. Frisch, fröhlich und frei oder ausge-schunden, verwundet, angeschossen oder überhaupt gleich tot.

 

Lange, sehr lange hat es in Europa gedauert, bis alle Grenzen gefallen waren. Zuerst fiel im Frühjahr 1989 der Eiserne Vorhang, die Berliner Mauer folgte diesem wenige Monate später. Bis es allerdings zu einem richtig freien Europa mit jener Reisefreiheit kam, die wir noch vor kurzem so schätzten, sollten einige Jahre vergehen. Bis zum denkwürdigen März 2020 sah’s dann richtig gut aus damit, man wollte fast dran glauben, dass die Freiheit nicht nur über den Wolken, sondern auch am Boden schier grenzenlos ist. Und schlagartig war alles anders, viele Länder machten die Grenzen dicht, manche halten das aus gutem Grund bis heute so. Es geht jetzt nicht darum, ob das gut oder schlecht, ob notwendig oder nicht notwendig ist. Es geht darum, dass wir rasch daran gewohnt waren, frei zu sein und uns überall hin frei bewegen zu können. Und nun ist Schluss mit lustig, der Normalbürger ist sauer, so richtig sauer, dass er in seiner Mobilität und damit in seiner Freiheit eingeschränkt ist.

Freiheit und Grenzen, zwei Begriffe, die viel miteinander zu tun haben. Das eine schließt das andere schmerzlich aus. Es ist uns heuer nicht oder nur einge-schränkt vergönnt, unseren Urlaub am Meer zu verbringen. Die Grenzen sind teils noch zu, unsere Reisefreiheit ist im Eimer, eine Sauerei. Und dazu das anhaltende Problem mit den Flüchtlingen. Sie stehen weiterhin vor unseren, vor den Grenzen Europas, hätten aber die Möglichkeit, sich frei für eine andere Destination zu entscheiden. Es muss ja nicht gerade Österreich sein, und wir dürfen zurzeit ja auch nicht überall hin. Da ist es doch nur gerecht, dass es den anderen genauso geht, finden Sie nicht? Wenn Sie das wirklich gerecht finden, sich eingesperrt oder gar bedroht fühlen, sollten Sie in einer ruhigen Stunde Ihren Reisepass streicheln und dann Ihr Wertesystem überdenken, da gibt's was zu verbessern.

(09) Von Hänschen und Lieschen.

 Kolumnentext in den OÖN vom Dienstag, 2. Juni 2020


Wo und wann hat Hänschen in der Schule gefehlt, dass er das nicht lernen konnte? Dass dann, wenn Hans zwei Bäume umhackt und er nur einen nachpflanzt, irgendwann die Rechnung nicht mehr stimmt. Es fehlen dann Bäume, und je mehr Hansens es gibt, umso mehr Bäume fehlen. Für unsereiner leicht nachvollziehbar, sollte man meinen. Vielleicht hat Hänschen auch gar nicht gefehlt, kann ja durchaus sein, dass ihm diese Rechnung gar nicht beigebracht wurde. Nein, ich will Lehrerinnen und Lehrern keinen Vorwurf machen, immerhin war ich lange genug Teil dieser Clique und weiß, dass die Grundrechnungsarten eifrig geübt wurden. Vermutlich war die Notwendigkeit, diese bei Bäumen anzuwenden, einfach nicht gegeben. Es gab mehr als genug davon, als Hänschen zur Schule ging. Und solide Vordenker waren oft nicht da oder zu wenig überzeugend.

All die Hansens der Welt mögen mir bitte verzeihen, aber mit Kevin, Marcel und Rene funktioniert die Metapher mit Hänschen nicht. Auch mit Yvonne und Jennifer nicht, mit Lieschen und Lisa allerdings schon, damit wir die Weibchen ebenso in die Verantwortung nehmen. Alsdann, packen wir uns geschlechter-übergreifend an der Nase und stellen fest: da ist echt was schiefgelaufen. Wie kommen wir da wieder raus? Nicht nur die Pädagogen, nein, wir alle als Gesellschaft, als zumindest theoretisch lernfähiges, soziales Gebilde. Man muss ja nicht gleich rotsehen, wenn von sozial die Rede ist. Wissen Sie's noch aus der Schule? Falls nicht, Wikipedia hilft uns beim Erinnern: "In der Umgangssprache bedeutet „sozial“ den Bezug einer Person auf eine oder mehrere andere Personen; dies schließt die Fähigkeit (zumeist) einer Person, sich für andere zu interessieren und sich einzufühlen mit ein. Aber es bedeutet auch, anderen zu helfen und eigene Interessen zurückzustellen." Kann man doch verstehen, oder? Allerdings geht es noch weiter, von hilfsbereit, höflich, taktvoll und verantwortungsbewusst ist die Rede. Oha, das klingt kompliziert, das ist sicher nicht machbar. Ist es aber trotzdem. Schließlich haben wir zu Beginn der COVID-Sache gezeigt, dass wir's draufhaben, dieses "sozial“ sein, hilfsbereit und gleichzeitig taktvoll sein.

Soziales Verhalten haben wir zudem alle als Kinder und Jugendliche gelernt. Im Grunde nichts als reine Physik, ein Gleichgewicht der Kräfte. Am Sozius mitfahren, sich dem Vordermann, meinetwegen der Vorderfrau anvertrauen, gemeinsam durch die vielen Kurven des Lebens zu steuern. Ich hab's tatsächlich erlebt, ach was, knapp überlebt habe ich es, dass die Person hinter mir nicht mitmachen wollte, sich aus Angst in die falsche Richtung lehnte. Vielleicht mangelte es auch nur an der Absprache, am gemeinsamen Ziel lag es nicht, wir wollten beide zum Traumstrand. Egal. Es ging gerade nochmal gut, wir sind immer noch (sehr gerne) verheiratet. Oder war's tatsächlich vor der Hochzeit? Oops, da war ich aber am Standesamt sehr optimistisch, dass die Sache gutgehen würde. Und gerade das brauchen wir jetzt: OPTIMISMUS! Wir müssen da irgendwie raus. Wir lassen uns gemeinsam in die Kurve, halten uns vertrauens-voll aneinander fest und siehe da: GESCHAFFT! Also, Hänschen und Lieschen, was gelernt? 

Wenn das Ziel das gleiche ist, wir einander vertrauen und es auch an Optimismus und Lebensfreude nicht mangelt, dann fehlt‘s vielleicht an der Technik, wenn wir irgendwo reinschlittern. Die Übung macht den Meister, also üben wir uns über die Krise hinaus, schwierige Dinge gemeinsam anzupacken. Und schwierig wird sie allemal, die allernächste Zukunft. Für die Familien, für die Wirtschaft, für die Gesellschaft insgesamt. Etablierte Systeme, Wertvorstellungen und eingefahrene Verhaltensweisen, Regierungen und Krisenmanager stehen derzeit auf dem Prüfstand. Was können wir als Normalverbraucher zur Lösung beitragen? Seicht diskutieren, niveaulos kritisieren und mit verbalen Furzen im Schutzmantel der Anonymität in den Medien kommentieren? Um Normalität ging's vor wenigen Wochen in dieser Kolumne. Geistig furzen scheint der Normalität schon wieder sehr nahezukommen. Wollen Sie wirklich so normal sein und da mitstinken? 

Versuchen wir's doch anders, lasst uns optimistisch, rücksichtsvoll und hilfsbereit sein, wieder gemeinsam die Kurven nehmen. Zeigen wir Hänschen und Lieschen, wie es geht, damit diese als Hans und Lisa beweisen können, was sie von uns gelernt haben.

(08) Wenn das Maß nicht mehr stimmt.

 Kolumnentext in den OÖN vom Dienstag, 26. Mai 2020


Sie liegen jetzt vermutlich völlig falsch. Ich meine nicht die Anprobe im Modegeschäft ihres Vertrauens, wenn Sie während des Auswahlverfahrens zur traurigen Erkenntnis kommen: die bisherigen Maßangaben stimmen bedingt durch einen unerklärlichen Zugewinn an Masse mit den aktuellen Maßen nicht mehr überein. Die Haut ist zu eng, die Schuhbänder sind zu weit weg oder gar durch den Schwimmreifen um die Körpermitte boshaft verdeckt. Nein, dieses Maß meine ich nicht. Eher von Unmäßigkeit soll die Rede sein und davon, dass das Maß nun voll ist.

Ich liege nach getaner Gartenarbeit zufrieden am Rücken, mitten am frisch gemähten Rasen. Den Blick verträumt gegen den Himmel, der definitionsgemäß oben ist, gerichtet. Genauere Angaben unterliegen dem Datenschutz und spielen zudem für die weitere Abhandlung keine Rolle. Hauptsache, der Blick nach oben ist frei. Die Wolkendecke ist dicht, ich tippe auf etwa 95% Bewölkung, es kann mir ja keiner anderes beweisen. Der Wind treibt die Wolken flott und beharrlich von West nach Ost. Und dann sind sie plötzlich da, die kleinen blauen Flecken am Himmel. Es sind nur wenige, drei oder vier davon tummeln sich in meinem Blickfeld. Und genau das macht sie für mich interessant. Drehen Sie den Spieß um, so ist der Effekt der gleiche. Wenn der Himmel einige Tage hintereinander strahlend blau ist, sind auf einmal die kleinen Wolken interessant. Wie diese mystisch wie aus dem Nichts entstehen, sich aufbauen, zusammenrotten und auf unerklärliche Weise wieder verschwinden, das beflügelt die Fantasie. Weniger ist oft mehr, meint der Volksmund wissend. Und das trifft's wohl auf den Punkt. Der Reiz liegt im Mangel, an der Entbehrung und der Vorfreude.

Oder die Sache mit dem Schnitzel, da ist's genauso. Früher war Wiener Schnitzel in den meisten Familien ein Sonntagsessen, einmal im Monat, eine Besonderheit. Heute kann man in jedem Möbelhaus, wenn man will täglich, ein Schnitzel um 4 Euro 90 ergattern, wenn auch Qualität und Esskultur dabei auf der Strecke bleiben. Der durchschnittliche Konsument, der legendäre Normalverbraucher, hat mit der Zeit das Maß für die Ausgewogenheit von Notwendigkeit und Besonderheit verloren. Er kann alles haben, zu jeder Zeit an jedem Ort, er diktiert außerdem forsch den Preis. Die Qualität ist zweitrangig, die bestimmen ohnehin die anderen, die Produzenten und Lieferanten. Die sind meist weit weg und für Diskussionen daher nicht zu haben. Und jetzt hat uns tatsächlich dieser kleine Teufel, der COVID-19 vor Augen geführt, dass vieles nicht mehr passt, das Maß nicht mehr stimmt. Jeder möchte zu viel von allem haben und dafür möglichst wenig bezahlen. Der Wert der Dinge gerät ins Wanken. Gerade bekommen wir die Rechnung präsentiert, unterm Strich durchwegs bedenkliche, teils erschreckende Ergebnisse. Nein, nicht die Ergebnisse sind falsch, die Eingaben sind es. Der Fehler liegt ausschließlich bei den Eingaben und kaum einer will’s glauben.

Für eine Korrektur ist es diesmal zu spät, die Fakten liegen schon länger auf dem Tisch, passiert ist passiert. Jetzt ist erstmal Schadensbegrenzung angesagt, und dann bleibt zu hoffen, dass die Richtungsänderung funktioniert, bevor wir zielsicher den nächsten Baum anvisieren. Der Baum wird kommen, ganz bestimmt. Die Welt ist voller Bäume, es liegt allein an uns, diesen auszuweichen. 

Erinnern wir uns, zumindest die älteren in der lesenden Runde, an Helmut Qualtinger. An den einzigartigen Grantler, den Raunzer, den rundlichen Propheten, der einst den Halbwilden auf seiner Maschine sagen ließ:

"Zwar hab ich ka Ahnung wo ich hinfahr, aber dafür bin i g'schwinder durt!"


Ja, wir waren tatsächlich schneller dort, als wir ahnen konnten, nämlich an jenem Punkt, an dem es ratsam wäre, umzudrehen, zumindest jedoch die Richtung zu ändern, bevor wir uns endgültig um den Baum wickeln. Nicht jeder muss alles um jeden Preis haben, das scheint nicht wirklich vernünftig zu sein. 

Ach ja, von wegen Vernunft, da kommt mir abschließend Albert Einstein in den Sinn, der meinte leicht resignierend:

"Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher."


Es ist strittig, ob dieser bissige Ausspruch wirklich von ihm stammt. Hoffentlich ist genauso strittig, dass der Verfasser, wer immer es auch war, recht hat. Es deutet wenig darauf hin, doch beruhigen tät’s mich schon, wenn dieser sich geirrt hat.

(07) Von Reiselust und Reisefrust.

 Kolumnentext in den OÖN vom Dienstag, 19. Mai 2020


 Es gibt wenige Dinge, die der Mensch mehr scheut, ja geradezu fürchtet, als Veränderung. Wenn dieses "Neue" zudem mit Einschränkungen verbunden ist, dann ist nicht selten Aufruhr angesagt. VerENDErung bedeutet vielfach das Ende liebgewonnener Verhaltensweisen und erzeugt zunächst einmal Widerstand. Diese Weisheit ist nicht neu und schon gar nicht von mir, sie ist allerdings wissenschaftlich hinlänglich untersucht und belegt. Wir sind gerade mittendrin in einer Phase, wo sich vieles verändert hat und sich noch viel mehr ändern wird, manches davon dauerhaft. Die Verbesserung von Luft- und Wasserqualität wird wohl nicht dazuzählen, die putzigen Delfine sind sicher nur auf Kurzbesuch in Venedig und werden ehestmöglich wieder durch die weniger putzigen Kreuzfahrtschiffe ersetzt. Für den Umgang mit neuen Situationen, aktuell mit den Auswirkungen der COVID-Krise, findet man derzeit in den Medien jede Menge Ratschläge. Psychologen und Therapeuten aller Kategorien überschlagen sich mit ungeheurem Elan, uns mit gutgemeinten Vorschlägen durch die schwere Zeit zu lotsen. Nicht alle diese Tipps sind wirklich nützlich, aber auch nicht allesamt schlecht oder gar stumpfsinnig, wenn man von jenen des Blondls im Weißen Haus absieht. Einige wirken aber doch sehr verwegen. Zum Beispiel der mit der Reflexion. Wenn etwa die besorgte Ehefrau ihrem gelangweilten Angetrauten vorschlägt, "Du Schatz, wir müssen reflektieren", so klingt das für manche Mitbürger wie die bedrohliche Ankündigung "Achtung, die Finanzprüfung kommt." Wenig überraschend ist hier vereinzelt mit Panikstimmung zu rechnen. Wie aber ist das bei der Selbstreflexion, für welche die Experten gerade jetzt einen guten Zeitpunkt sehen? Man(n) und/oder Frau sitzt zuhause, ist total entschleunigt und sinniert über Neues. Und schon ist es wieder da, das Phänomen. Neu bedeutet Veränderung bedeutet Widerstand. Grundsätzlich ja nichts Schlechtes, weil es gleichzeitig zum kreativen Denken anregt. Meine persönliche Selbstreflexion erstreckt sich derzeit auch auf meine Urlaubspläne und meine Einstellung zu den europäischen Nachbarn. Ganz besonders zu jenen im Norden.


Es sieht tatsächlich danach aus, als könnten wir heuer vor dem Einfall unserer Lieblingsnachbarn weitgehend verschont bleiben, sie kommen in diesem Sommer nicht. Das klingt beinahe wie „Dieses Jahr gibt es keine Gelsen, die fallen aus.“ Na, das ist ja mal eine gute Nachricht. Stimmt nicht, meinen Sie? Sie haben völlig recht, denn wer hätte jemals geglaubt, dass wir uns, vor allem die Gastronomie und Hotellerie, auf die Germanen derart freuen würden. An dieser Stelle habe ich leider ein Déjà-vu. Es begab sich zu einer Zeit, wo es noch den Österreichischen Schilling und die Deutsche Mark gab. Zwei junge Pärchen fuhren in freudiger Erwartung eines Kurzurlaubs nach Kärnten, zwei Zimmer an einem See sollten es sein. An welchem, ist nicht von Bedeutung, die Thematik ist See-übergreifend. Das grüne Täfelchen an einer ansprechenden Pension ließ hoffen: hier könnte es was werden. Höflich nachgefragt kam die weniger höfliche Antwort: „Ja, zwei Zimmer wären frei, aber mit der Vergabe warten wir ein bisschen zu, vielleicht kommen noch deutsche Gäste.“ Bumm! Schon war es da, das Kärnten-Trauma. Und in diesen Tagen kriecht es wieder aus der hintersten Ecke meines Gedächtnisses hervor.

Für jene, die sich nicht mehr erinnern: zur Zeit dieses Vorfalls waren in manchen Gaststätten nördlich von Slowenien die Preise in D-Mark und nicht in Schilling angeschrieben. Herrn und Frau Österreicher wird seitens der Regierung gerade eindringlich nahegelegt, heuer den Urlaub aus Loyalität im eigenen Land zu verbringen. Versuchen sie das aber, so können sie oft nicht buchen, weil offiziell keine Stornierungen vorliegen und die deutschen Urlaubswilligen vielleicht doch noch frei reisen dürfen. Na, wenn das mal kein Déjà-vu ist. Ist es ganz und gar nicht, denn es passiert mir ja tatsächlich zum zweiten Mal, dass man als Österreicher das Nachsehen hat. Und wenn dann ein Kärntner Hotelier mit leidender Miene im Fernsehen jammert, dass ihm durch die Reisebeschränkung bei den Reiseweltmeistern die Geschäftsgrundlage entzogen wird, wo doch die Deutschen seine Lieblingsgäste und wir Österreicher demnach nur Lückenbüßer sind, wie soll man da als zahlungswilliger Patriot Mitleid oder gar Sehnsucht nach Kärnten verspüren? 

Also an mir hat’s der Herr Hoteldirektor nicht geschafft. Ich liebe mein Oberösterreich und glaube fest daran, dass ich da auch erwünscht bin. Bitte, liebe heimische Touristiker, beweist mir nicht das Gegenteil.


(06) Wenn die Normalität droht.

 Kolumnentext in den OÖN vom Dienstag, 12. Mai 2020


Meine Mitmenschen im näheren Umfeld gestehen mir freundlicherweise zu, nicht dumm zu sein, dennoch bin ich momentan etwas irritiert. Und ich bin auch kein ängstlicher Typ, trotzdem schaudert es mich. Wovor, fragen Sie? Wovor fürchten, wo doch in Kürze wieder alles normal wird? Und genau das ist es, was mich aufschreckt: die Normalität. Wir kehren, so formulierte es unser aller Kanzler, Schritt für Schritt zur Normalität zurück. Dass er dabei von einer "neuen Normalität" spricht, kann mich nicht sonderlich beruhigen, ich befürchte, dass wir alsbald wieder alte Zustände haben werden. Was war daran normal, dass ein Flugticket Wien-Mallorca um 19 Euro zu kriegen war? Was war normal daran, dass ein Bauwoll-T-Shirt um 3 Euro und ein Kilogramm vom Schwein um 6 Euro über den Ladentisch ging? Was bedeutet es, normal zu sein? Soll man(n) oder Frau sich das wirklich wünschen? Mal ganz ehrlich, sind Sie eigentlich ganz normal? Der Normalverbraucher ist normalerweise entrüstet, wenn seine Normalität in Frage gestellt wird. Aber wollen Sie das tatsächlich sein, so richtig normal?

 

Ein Mensch gilt, salopp gesagt, als normal, wenn sein Verhalten jenem der Mehrheit entspricht. Jetzt dürfen Sie erstmal kräftig schlucken, das ist ihr gutes Recht und mehr als verständlich. Leider aber nicht normal, denn der Durchschnittsbürger findet sich meist mit seiner Situation ab, der wundert sich nicht und schluckt auch nicht. Für den ist es ganz normal, mit der Masse mitzuschwimmen. Was mich betrifft, so hoffe ich inständig, dass das unzivilisierte, teils unsoziale Verhalten so mancher Zeitgenossen in meinem erweiterten Umfeld nicht dem der Mehrheit und schon gar nicht meinem entspricht, denn dann wäre ich liebend gern nicht normal. Lieber wär's mir, mutig und zuversichtlich zu sein, Ecken und Kanten zu haben, ungeachtet dessen, was der Durchschnitt, die Mehrheit so macht.

 

Ich werde mich zwar weiterhin vertrauensvoll an die Empfehlungen der Regierung halten, mir aber trotzdem nicht verbieten, wachsam und kritisch zu bleiben. Darüber hinaus möchte ich meinen bescheidenen Beitrag zur Förderung der Wirtschaft leisten, indem ich demnächst eifrig konsumieren werde.

 

Im festen Bewusstsein, damit Gutes zu tun, setze ich mich hin und schreibe hoffnungsvoll eine Liste. Eine Liste sämtlicher Gastgärten in Steyr und Umgebung, die ich in allernächster Zukunft aufsuchen möchte. Es fließen mir die Buchstaben regelrecht aus den Fingern, selbst ohne Branchenverzeichnis, allein Kraft meiner sehnsüchtigen Wünsche ist die Seite rasch gefüllt. Vom Ki-Wi-Hai-Ho im Norden von Steyr bis zum Schoiber im Süden, am Damberg gelegen, vom Gasthof Pöchhacker im Westen der Stadt bis zum Gasthof am Wachtberg im Osten meines Quarantäne-Domizils, alle haben sie einen wunderbaren Gastgarten und alle sollen sie alsbald ihre Chance bekommen. 

 

Oops, jetzt war ich aber richtig leichtsinnig, habe ich doch glatt den Datenschutz missachtet. Denn wenn Sie nun die Linien verbinden, wissen Sie etwa, wo ich wohne. Besuchen Sie sich mich bitte trotzdem nicht, das ist zurzeit noch nicht empfehlenswert, außerdem würden mir die vielen Baby-Elefanten den Rasen niedertrampeln. Ganz zu schweigen von den dampfenden Häufchen, die sie hinterlassen würden.

In Bälde freue ich mich ganz sicher wieder über nette Besuche, bis dahin sehe ich es allerdings als meine staatsbürgerliche Pflicht, die schwer unter Druck geratene Gastronomie zu unterstützen. Vermutlich bin ich mit meinen Gelüsten gar nicht so allein, da sollten sich schon Mitstreiter und Seelenverwandte finden. Da es einzig um die gute Sache geht, stehe ich hier zu meiner Normalität als Konsument, folglich darf da auch jeder mitmachen. Es (über)lebe die österreichische Gastwirtschaft. Prost, vielleicht schon in wenigen Tagen in einem der angeführten, schattigen Gärten.


(05) Blindes Vertrauen.

 Kolumnentext in den OÖN vom Dienstag, 5. Mai 2020


Wie würde es Ihnen gehen, wenn eine im Umgang mit Waffen ungeübte Person wenige Zentimeter vor Ihrer Nase mit scharfer Klinge fuchtelt? Ich habe beschlossen, die Augen zu schließen und mich dem Schicksal heldenhaft zu ergeben. Der Tatort war unser Garten, mit dem personifizierten Schicksal bin ich fast 38 Jahre verheiratet. Was war geschehen, wie konnte es nur soweit kommen, dass wir zu Waffen greifen? Erraten, auch daran ist der kleine Corona-Teufel schuld. Alsdann, so trug es sich zu:

 

Ein frühmorgendlicher Blick in den Spiegel und die dazu passende Bemerkung meines Haushaltsvorstands mahnten mich, dass eine Behandlung durch den Friseur meines Vertrauens überfällig war. Allerdings war diese zur Tatzeit letzte Woche legal noch nicht möglich, es sei denn, ich würde mit diesem Experten in einem gemeinsamen Haushalt leben. Eine grauenhafte Vorstellung, da zog ich es doch lieber vor, das Angebot meiner langjährigen Psychotherapeutin, Ernährungs- und Modeberaterin anzunehmen. Sie würde das gerne übernehmen, meinte sie hochmotiviert und versicherte mir augenzwinkernd, dass sie sich durch diesen Vertrauensbeweis außerordentlich geehrt fühle. Und schon saß ich erwartungsvoll mitten auf der Wiese, wehrlos auf einem Campingsessel, ein olivgrünes Handtuch als einzige Schutzmaßnahme um den Hals geworfen. Rundherum zwitscherten ungewöhnlich viele Vögel, sie schienen uns zu beobachten und sich über die unglaubliche Darbietung bestens zu amüsieren.

Es gehört fürwahr eine große Portion Urvertrauen dazu, mit 130 km/h über die Autobahn zu brettern. Man kennt weder den Entwickler noch den Produzenten seines Autos persönlich, man weiß nicht, wie zuverlässig und verantwortungsbewusst diese Menschen sind. Zudem ahnt man nicht, welch seltsame Gestalten in den Autos um einen herum am Steuer sitzen. Meist ist es sogar gut, es nicht zu wissen, sonst würde man die heimische Garage nie verlassen.


Jetzt aber jemanden an seine Frisur zu lassen, der womöglich der Aufgabe mangels Fachwissen und Übung nicht gewachsen ist, da gehört schon eine Menge Mut dazu. Und noch viel mehr Vertrauen. Womit wir wieder beim Kernthema sind.

 

Die zumeist demokratisch legitimierten Entscheidungsträger machen es dem Normalbürger nicht gerade leicht, ihnen zu vertrauen. Man denke an die Damen und Herren in Brüssel, springe dann gedanklich über den Ärmelkanal und, God bless you, über den großen Teich zum eigenartigen Herrn mit der blonden Fönfrisur. Da bleibt die Zuversicht ganz schnell auf der Strecke. Doch auch hierzulande hat sich die Politiker-Kaste in den letzten Jahren nicht unbedingt mit Ruhm bekleckert. Vielleicht bedarf es wirklich einem zusätzlichen Schuss an Frauen-Power, um wieder mehr Sensibilität für die Bedürfnisse der Mitmenschen und Vertrauen in die Politik aufzubauen. Allerdings stelle ich mir mit Schaudern vor, wie Beate Hartinger-Klein mit eindringlicher Stimme unser tapferes Pflegepersonal zu motivieren versucht oder Philippa Strache die Expertisen über die Qualität von Schutzmasken überprüft. Eine Horrorvorstellung, Gänsehaut und Pusteln pur.

Woher also das Vertrauen nehmen, um in der überbordenden Informationsflut jene zu finden, denen man glauben kann, auf die man sich verlassen kann? Vielleicht sind's ja wirklich die Frauen, die's richten werden. Zumindest im häuslichen Umfeld hat sich das Vertrauen in die holde Weiblichkeit ausgezahlt. Ich werde bereits in wenigen Wochen wieder, wenn meine Frisur den natürlichen Erneuerungsprozess erfolgreich fortsetzt, schamfrei unters Volk gehen können. Vorausgesetzt, das Vertrauen in unsere Entscheidungsträger war ebenfalls berechtigt und wir dürfen wieder raus. Ich bin guter Dinge und lasse bis dorthin die Haare fröhlich weiterwachsen.

 

Nachtrag: Zugegeben, ich habe leicht übertrieben. Meine Frisur ist großartig und mein Haushaltsvorstand sowieso, aber das Attentat auf meine Haarpracht hätte auch ganz anders ausgehen können. Schwein gehabt.

(04) Die Magie der Prozente.

 Kolumnentext in den OÖN vom Dienstag, 28. April 2020


In Woche vier unserer Kolumne wird es wieder einmal Zeit für eine richtig positive Nachricht, die da wäre: Wir werden alle wieder auferstehen. Jawohl, das werden wir, und das mit sehr großer Wahrscheinlichkeit. Soviel zum Positiven. Es gibt aber auch was, was uns dabei nachdenklich stimmen sollte, nämlich: Zweifelhaften Umfragen zufolge können etwa 104% der Österreicher nicht Prozentrechnen. Ja, ja, ich weiß schon, Sie gehören da auf keinen Fall dazu, Sie haben's intus. Doch was hat das eine mit dem anderen zu tun? Ganz einfach: Wahrscheinlichkeiten werden blöderweise in Prozent angegeben. Und genau hier stinkt der Fisch. Zum einen hoffen wir, dass wir bald zu einer Normalität zurückkehren werden, und das mit hoher prozentueller Wahrscheinlichkeit. Zum anderen erschlagen uns die vielen Zahlen, mit denen uns die Experten großzügig Tag für Tag konfrontieren. Für viele Mitbürger ist nach den medialen Zahlenspielen in den Abendnachrichten die Verwirrung perfekt, manche träumen nur mehr von Nachkommastellen und atemberaubend schönen Grafiken.

 

Geben Sie’s doch zu, Sie sitzen auch oft vor dem Fernseher und versinken aus Ehrfurcht vor den Statistiken der Corona-Experten. Ob Politiker, Mathematiker, Virologen, Meteorologen, Börsen-Gurus oder sogar Astrologen, ohne Prozentrechnen geht da gar nichts. Blöd ist’s allerdings, wenn man’s nicht kann. Und da sind 104% tatsächlich sehr viel. Mein selbsternannter Freund, der allwissende Herr M. aus dem benachbarten Stadtteil, der hat damit kein Problem. Er trägt zwar aus Überzeugung keine Maske, weil er per Eigendefinition absolut „sauber“ ist und außerdem keiner Risikogruppe angehört. Als er im Fernsehen hörte, dass 95% der Österreicher sich vorbildlich an die Vorgaben der Regierung halten, gestand er mir hinter vorgehaltener Hand, dass er die restlichen fünf kennt. Und die hausen im gleichen Wohnsilo einen Stock über ihm. Es handelt sich dabei um Frau K., ihren Ehemann und ihre beiden ungustiösen Teenager. Den fünften im Haushalt sieht man selten, es dürfte sich um den Bruder der Frau K. handeln. Sie gehen zwar, wenn überhaupt, nur mit trendiger Maske aus dem Haus, allerdings rauchen und husten sie allesamt und spucken fallweise vom Balkon.

Mehr wollte mein Freund aus Datenschutzgründen nicht sagen, aber diese Typen fehlen auf die 100%. Er war sich ziemlich sicher, dass der eloquente Herr im Fernsehen genau diese fünf meinte. Und ich bin mir nun meinerseits ziemlich sicher, dass mein Freund M. sehr wohl zu einer Risikogruppe gehört, und zwar zu jener der uneinsichtigen Besserwisser. Allerdings würde uns vor solchen Typen weder eine Schutzmaske noch ein Ganzkörperkondom schützen, hoffnungslose Fälle. Wie dann aber schützt man sich vor Zeitgenossen, deren geistiger Horizont kaum über die Nasenspitze hinausreicht, die unter Gemeinwohl bestenfalls ein öffentliches Trinkgelage verstehen? Überzeugen durch ein klärendes, respektvolles Gespräch, das wäre zumindest einen Versuch wert, selbst wenn Sie dabei über so manchen Schatten springen müssten.

 

Sollten Sie also auch welche kennen, die auf die 100% fehlen, sagen Sie's denen, dass es zurzeit auf uns alle ankommt und sie daher, unabhängig von ihrem geistigen Horizont, sehr wichtig sind. Das hören solche Menschen gerne, glauben Sie's mir. Verzichten Sie dennoch besser auf Nebenbemerkungen deren Intellekt betreffend, das dürfte Ihre Erfolgsaussichten bei der Überzeugungsarbeit verbessern. Und versuchen Sie erst gar nicht, denen das Prozentrechnen beizubringen.

(03) Die große Chance.

 Kolumnentext in den OÖN vom Dienstag, 21. April 2020


Gerade jetzt durch die rosarote Brille zu schauen, ist nicht ganz einfach, allerdings zeigt uns der neue Alltag, dass vieles, was noch vor wenigen Wochen undenkbar schien, trotzdem geht. Die Geschwindigkeit administrativer Abläufe und die Bewältigung logistischer Problem, vieles geschieht atemberaubend und meisterlich. Sehen wir es doch nicht nur als Problem, was derzeit um uns und mit uns passiert, sehen wir’s auch als Chance. Zum Beispiel als Chance, uns zu entwickeln, um uns zum Wohle aller in Rücksicht und Toleranz zu üben. Zum Beispiel im gemeinsamen Haushalt und dabei strafverschärfend für die Männer beim Thema Ordnungssinn.

 

Hier scheint es genetisch oder hormonell bedingte Auffassungsunterschiede zu geben, die nicht selten in Grundsatzdiskussionen münden, zumindest bei mir zuhause ist das so. Meine hinsichtlich Ordnung nur mäßig tolerante Gattin wirft mir hin und wieder vor, ein Lotterleben zu führen. Zugegeben, es gibt Phasen in meinem Leben, in denen Ordnung und Haushalt nur eine untergeordnete Rolle spielen. Kopflastige Aktivitäten an der frischen Luft, beispielsweise spazierengehend über den Sinn des Lebens nachzudenken, haben klarerweise absolute Priorität. Sehr zum Leidwesen meines Haushaltsvorstands, der häufig gerade dann zwei helfende Hände bräuchte, wenn ich meine philosophische Phase habe. Anscheinend ist das Timing hier zu wenig ausgereift, dennoch, der Vorwurf des Lotterlebens trifft das sensible Literaten-Herz wie ein Pfeil. Aus irgendeinem Grund gefällt mir dieser Begriff nicht, also befragte ich das Internet, wie es sich denn mit dem Lotterleben verhält. Der Duden hatte die Lösung sofort parat und ich ein Argument für das bevorstehende klärende Gespräch.

 

„Liebes Weib“, so begann ich zumindest sinngemäß den partnerschaftlichen Informationsaustausch, er könnte auch mit einem weniger freundlichen „Na hallo, so nicht!“ begonnen haben, so genau weiß ich das nicht mehr. Aber gehen wir von der höflichen Variante aus. „Liebes Weib, weißt du eigentlich, was du mir da vorwirfst?“


Natürlich wusste sie es nicht, die Frage war rein rhetorisch. Selbstbewusst, fast siegessicher zitierte ich den Duden. Ein Lotterleben sei moralisch bedenklich und verwerflich, so stand in diesem zu lesen. Und das tut weh, denn auf die Moral, da halt ich was, vor allem wenn mir diesbezüglich ein Versäumnis vorgehalten wird.

Um es kurz zu machen, als zivilisierte Erdenbürger fanden wir natürlich eine Lösung, die für beide Seiten erträglich sein sollte. Meine Gattin streicht, so gut es eben geht, das "Lotterleben" aus ihrem Wortschatz und ersetzt dieses Unwort durch den weitaus angenehmeren Begriff des "Müßiggangs". Sollte ich mich diesem fallweise im Übermaß hingeben, darf sie mich durch ein mahnendes "Sei nicht übermüßig!" sanft in die Realität zurückholen.

 

Ich meinerseits werde mich bemühen, meine philosophischen Runden künftig in Hilferufweite zu drehen, was momentan nicht allzu schwierig ist, weil ich mich überwiegend im heimischen Garten bewege. Ob diese Vereinbarungen auch nach Corona zu halten sind, wird sich zeigen, jetzt ergreifen wir erstmal die Chance, uns neu zu finden. Und legen wir alle, die gerade eine ungewohnt intensive Zweisamkeit durchleben, nicht jedes Wort in die Waagschale, zurzeit haben wir wirklich andere Probleme. Und wenn nicht, freuen Sie sich und seien Sie trotzdem nett zueinander.

(02) Von Babys und Anwälten.

 Kolumnentext in den OÖN vom Dienstag, 14. April 2020


Darf man angesichts der schmerzlichen Situation, angesichts der vielen Infizierten und Toten, gut aufgelegt sein oder gar scherzen? Sie meinen, Ansichtssache? Ich meine ja, unbedingt und tu das natürlich mit gehörigem Anstand und Respekt. Wir alle, und vor allem unsere Entscheidungsträger, haben derzeit wirklich nicht viel zu lachen, manche tun sich da mit dem Hoffen schon verdammt schwer. Versuchen wir's trotzdem, zumindest gemeinsam zu lächeln. Also, liebe Mitmenschen, höret oder leset, aber lächelt. Aus Spaß an der Freude oder zumindest mir zuliebe.

New York am 9. November 1965, kurz vor 17 Uhr Ortszeit. Blackout. Kein Strom. 10 Millionen Menschen waren stundenlang ohne Strom. Am nächsten Tag war wieder alles normal. Die Folgen? Baby-Boom im August 1966. Die Legende wird auch heute noch gerne erzählt. Wann immer etwas passiert, was die Menschen näher zusammenbringt, taucht sie wieder auf. Ein Stromausfall oder, wie gerade eben, ein Krisenfall, massive Einschränkungen der Bewegungsfreiheit, Quarantäne inklusive. Die Menschen müssen sich gezwungenermaßen wieder mehr mit sich selbst beschäftigen und tun dies wahrscheinlich auch, häufig in trauter Zweisamkeit, um möglichen Angstzuständen vorzubeugen. Man kommt sich wieder näher, was oftmals nicht ohne Folgen bleibt. Ob’s wahr ist, werden wir spätestens im Jänner des nächsten Jahres erfahren, die Geburtenstatistiken werden’s uns wissen lassen. 

 

Darüber ulkten wir heute mit einem Schuss Galgenhumor nach der morgendlichen Dienstbesprechung vor dem Rettungsdienst. Wir tun das sehr bewusst und mit dem geforderten Sicherheitsabstand, jeder hat da seinen eigenen Baby-Elefanten zum Messen mit. Ich brachte wohlwissend, dass es wahrscheinlich nur eine Legende ist, die New Yorker Geschichte in die Runde ein. Ganz heimlich, hinter meinem Rücken, zählte ich zuvor mit den Fingern zum April neun Monate dazu, um mich ja nicht zu blamieren. Dann erst präsentierte ich souverän meine Pointe: „Da wird’s wohl einiges an Nachwuchs im kommenden Jänner geben.“

Allgemeines Grinsen, schließlich der Einwand meines Freundes H. (Datenschutz): „Oder einiges mehr an Scheidungen nach den überstandenen Quarantänen, wenn man dann wieder zum Anwalt darf.“ Wiederum gemeinschaftliches Grinsen, welches mir bis zum Dienstschluss zusehends abhandenkam. Baby oder Scheidung, that’s the question. Meine Allerliebste ist seit geraumer Zeit aus dem gebärfähigen Alter raus und ich, ich habe die Produktionslinie unterbrochen. Vasektomie. Ade Baby. Wenn’s also nur die beiden Alternativen gibt, Baby oder Scheidung, dann wird’s wohl nichts mit der goldenen Hochzeit.

 

Ich gestehe, diese Aussichten stimmten mich schon ein wenig traurig. Ich gebe allerdings nicht auf, wir werden heute Abend die unfreiwillige Zweisamkeit mit einem Glas Wein und leckeren Brötchen fortsetzen, versuchen hoffnungsvoll und hartnäckig eine dritte Variante: Zusammenbleiben und tapfer aussitzen, bis die freie Natur unter Freunden wieder ungefährlich ist. Hoffen wir, dass der Weinvorrat so lange reicht. Und das Klopapier möge uns bitte auch nicht ausgehen.

01) Alles wird anders. Wird alles anders?

Kolumnentext in den OÖN vom Dienstag, 7. April 2020


Ein weiser Mann aus dem Ennstal sagte dereinst: "Ned vorfiachtn!" Was er damit meinte? Die Dinge erstmal mit einer gesunden Mischung aus Gelassenheit und Aufmerksamkeit herankommen lassen, und wenn's dann pressiert, entschlossen reagieren. Und recht hat er, der Ennstaler.

 

Zugegeben, es war kein berühmter Philosoph, der diese Weisheit kundtat, sondern der Werner war's, der Ideentischler. Für mich die personifizierte Zuverlässigkeit und seines Zeichens erfolgreicher, zudem nicht minder sympathischer Unternehmer. Und es war auch nicht dereinst, sondern vor etwa vier Wochen, also kurz bevor der Virus uns mit großer Keule erwischte. Seither geht es mir besser, vor allem viel besser mit mir selbst. Wie oft habe ich mich dabei ertappt, mich auf Gespräche, meist unangenehme oder gar Streitgespräche, vorzubereiten, die dann gar nicht stattfanden. Oder völlig anders verliefen, als ich sie mir vorstellte. "Ned vorfiachtn!" Eine einfache und vielleicht gerade deswegen sehr alltagstaugliche Weisheit.

 

Die Welt danach. Wie wird sie, was wird sich ändern? Vieles, meinen die einen, alles meinen die anderen, nur wenig meinen die dritten. Meine bescheidene Meinung? Der Mensch ist kein Elefant. Was das mit Corona zu tun hat? Also, der Mensch hat kein Gedächtnis wie ein Elefant, der Mensch vergisst sehr rasch. Dem Elefanten wird nachgesagt, dass er, vor allem wenn ihm Schlimmes widerfährt, sich auch nach Jahrzehnten noch daran erinnert. Wie das beim Menschen ist? Anders, leider ganz anders. Man denke nur an die grauenhafte Zeit des NS-Regimes und beobachte, wie damit heute rundum umgegangen wird. Schlechte Erinnerungen, ausradiert durch schlechtes Erinnerungsvermögen. Eine kluge Frau formulierte das eleganter: "Die Geschichte lehrt dauernd, sie findet aber keine Schüler." Ingeborg Bachmann war es, die großartige österreichische Schriftstellerin. Wie recht sie leider hat, und nach Corona wird sie neuerlich bestätigt werden. Das wird richtig peinlich für uns.


Doch halt, ein bisschen liegt es schon auch an uns, ob sie wirklich recht hat. Machen wir es ihr nicht zu leicht, zeigen wir ihr posthum, dass unser Gedächtnis gar nicht so schlecht ist, dass wir ein bisschen was von einem Elefanten haben. Kraft, Stärke, Ausdauer und ein gutes Erinnerungsvermögen, um dann dank unserer Erfahrungen die richtigen Entscheidungen zu treffen. Ohne Angst, aber mit dem gehörigen Respekt. Also bitte: Ned vorfiachtn!