Von Babys und Anwälten.

 Kolumnentext in den OÖN vom Dienstag, 14. April 2020


Darf man angesichts der schmerzlichen Situation, angesichts der vielen Infizierten und Toten, gut aufgelegt sein oder gar scherzen? Sie meinen, Ansichtssache? Ich meine ja, unbedingt und tu das natürlich mit gehörigem Anstand und Respekt. Wir alle, und vor allem unsere Entscheidungsträger, haben derzeit wirklich nicht viel zu lachen, manche tun sich da mit dem Hoffen schon verdammt schwer. Versuchen wir's trotzdem, zumindest gemeinsam zu lächeln. Also, liebe Mitmenschen, höret oder leset, aber lächelt. Aus Spaß an der Freude oder zumindest mir zuliebe.

New York am 9. November 1965, kurz vor 17 Uhr Ortszeit. Blackout. Kein Strom. 10 Millionen Menschen waren stundenlang ohne Strom. Am nächsten Tag war wieder alles normal. Die Folgen? Baby-Boom im August 1966. Die Legende wird auch heute noch gerne erzählt. Wann immer etwas passiert, was die Menschen näher zusammenbringt, taucht sie wieder auf. Ein Stromausfall oder, wie gerade eben, ein Krisenfall, massive Einschränkungen der Bewegungsfreiheit, Quarantäne inklusive. Die Menschen müssen sich gezwungenermaßen wieder mehr mit sich selbst beschäftigen und tun dies wahrscheinlich auch, häufig in trauter Zweisamkeit, um möglichen Angstzuständen vorzubeugen. Man kommt sich wieder näher, was oftmals nicht ohne Folgen bleibt. Ob’s wahr ist, werden wir spätestens im Jänner des nächsten Jahres erfahren, die Geburtenstatistiken werden’s uns wissen lassen. 

 

Darüber ulkten wir heute mit einem Schuss Galgenhumor nach der morgendlichen Dienstbesprechung vor dem Rettungsdienst. Wir tun das sehr bewusst und mit dem geforderten Sicherheitsabstand, jeder hat da seinen eigenen Baby-Elefanten zum Messen mit. Ich brachte wohlwissend, dass es wahrscheinlich nur eine Legende ist, die New Yorker Geschichte in die Runde ein. Ganz heimlich, hinter meinem Rücken, zählte ich zuvor mit den Fingern zum April neun Monate dazu, um mich ja nicht zu blamieren. Dann erst präsentierte ich souverän meine Pointe: „Da wird’s wohl einiges an Nachwuchs im kommenden Jänner geben.“

Allgemeines Grinsen, schließlich der Einwand meines Freundes H. (Datenschutz): „Oder einiges mehr an Scheidungen nach den überstandenen Quarantänen, wenn man dann wieder zum Anwalt darf.“ Wiederum gemeinschaftliches Grinsen, welches mir bis zum Dienstschluss zusehends abhandenkam. Baby oder Scheidung, that’s the question. Meine Allerliebste ist seit geraumer Zeit aus dem gebärfähigen Alter raus und ich, ich habe die Produktionslinie unterbrochen. Vasektomie. Ade Baby. Wenn’s also nur die beiden Alternativen gibt, Baby oder Scheidung, dann wird’s wohl nichts mit der goldenen Hochzeit.

 

Ich gestehe, diese Aussichten stimmten mich schon ein wenig traurig. Ich gebe allerdings nicht auf, wir werden heute Abend die unfreiwillige Zweisamkeit mit einem Glas Wein und leckeren Brötchen fortsetzen, versuchen hoffnungsvoll und hartnäckig eine dritte Variante: Zusammenbleiben und tapfer aussitzen, bis die freie Natur unter Freunden wieder ungefährlich ist. Hoffen wir, dass der Weinvorrat so lange reicht. Und das Klopapier möge uns bitte auch nicht ausgehen.