Die Pseudonym-Attacke. Ein Sommerloch-Krimi.

 Kolumnentext in den OÖN vom Dienstag, 14. Juli 2020


Jetzt ist es zu spät, Sie haben bereits draufgeklickt und sind mitten im vermeintlichen Krimi. Bevor Sie es selbst bemerken, muss ich ein Geständnis ablegen: Es gibt kein Sommerloch und schon gar keinen Sommerloch-Krimi. Das Einzige, was hier an einen Krimi erinnert, ist dieses Geständnis. Über Pseudonyme freilich, da kann man trefflich plaudern, sich so richtig aufregen, wenn's beliebt. Um die Experten geht’s, die sich zuhauf in unser aller Umgebung tummeln und eifrig Kommentare zu allen erdenklichen Themen erfinden. 

 

Wir haben für alles Experten, in großer Zahl und für jedes Problem. Oft scheint’s, wir haben zu wenige Probleme für zu viele Experten. Deswegen müssen sich diese die Probleme teilen, da bleibt die Legitimation oft auf der Strecke und es kommen Experten zu Wort, die anderswo besser aufgehoben wären. Zum Beispiel zuhause, im stillen Kämmerlein oder in der Garage. Gehört nicht auch dort einmal Ordnung gemacht, dringend sogar? LANA3 wäre sicher im Garten, beim Unkrautjäten eine Verstärkung. Oder PEBOHNE, der könnte sich beim Heckenschneiden nützlich machen. Und ALBTRAUMGIRL hat sicher eine Toilette zuhause, die dringend ihrer Zuwendung bedarf. Experten gehören in ihrem Spezialgebiet eingesetzt, da ginge echt was weiter. Gut, sie bringen auch so ordentlich was weiter, bei Tausenden von Online-Einträgen, da muss man schon dranbleiben. Allerdings erhärtet sich in mir der Verdacht, dass die Häufigkeit der Wortmeldungen nicht zwingend in einer direkt proportionalen Beziehung mit dem Intellekt der unbekannten Verfasser steht. Die mehr wort- als geistreichen Kommentare hören sich oftmals an wie eine Erleichterung, nämlich nichts sagen zu müssen und seinen Schwachsinn trotzdem bedenken- und gedankenlos in die Medienlandschaft entlassen zu dürfen. Man hätte ja durchaus Gelegenheit, das Geschriebene nochmals auf Inhalt und Grammatik zu überprüfen, bevor man’s in die weite Welt hinausposaunt, was ist daran so schwierig? Liebe Experten, glaubt es mir, das geht beim Schreiben. 


Beim Sprechen wird’s allerdings schon komplizierter. Ich stelle mir mit Grauen vor, wie diese Fachleute sich hinstellen und ihre Expertisen freimütig verbal kundtun. Außer Gestammel wäre da kaum was zu erwarten. Da ist zudem noch die Sache mit dem Pseudonym, es lohnt sich, einmal kritisch darüber nachzudenken. Wozu braucht oder missbraucht jemand diese Möglichkeit? Ist man(n) bzw. Frau vielleicht doch nicht der Experte, der man zu sein glaubt? Sommerfriede und Schwamm drüber, wir alle, die wir nachdenken und uns erst dann kritisch, jedoch wertschätzend, unter bestmöglicher Einhaltung der deutschen Grammatik, gezeichnet mit dem bürgerlichen Namen öffentlich artikulieren, wie auch jene, die von alledem bis auf's Veröffentlichen nichts dergleichen tun, wir alle haben uns eine Pause verdient. War das zu kompliziert? Dafür gibt's eben eine Sommerpause, genug Zeit zum Überlegen. 

 

Zum vierzehnten Mal darf ich Sie in meine Gedankenwelt mitnehmen, worüber ich sehr froh bin. Nicht nur darüber, dass es nicht bei dreizehn blieb, obwohl ich nicht sonderlich abergläubisch bin, aber man weiß ja nie. Vielmehr freut mich, dass ich Denkanstöße liefern durfte und hoffe, Sie hatten manchmal ähnlich viel Spaß wie ich. Manch einer mag sogar was gelernt haben, ich zumindest habe meine Erfahrungen gemacht, nicht nur, was die Experten betrifft. Zu guter Letzt, weil Sie vielleicht doch einen Krimi erwartet haben, ein paar Gedanken zum Thema Gerechtigkeit, da wird’s nämlich fast kriminell. Ich knüpfe dabei gerne an den Text meiner Donnerstag-Schreib-Freundin an. Wie geht’s Ihnen beim Thema Gerechtigkeit, sind Sie da sattelfest? Machen wir einen einfachen Test. 

Wie stehen Sie zur landläufigen Meinung, dass jedes Volk die Regierung hat, die es verdient? Also wir Österreicher unsere türkis-grünen Kommunikations-Experten, die Amis ihren schießwütigen Blondl, die Nordkoreaner ihren überfütterten Bombenbastler und die Briten ihren ständig unfrisierten Chaoten. Ach ja, dann noch die Brasilianer mit ihrem menschenverachtenden und mittlerweile angeschlagenen Besserwisser, der Kerl ist wirklich unbelehrbar. Alle miteinander sind sie ganz schwer auszuhalten, trotzdem sitzen sie an den Schalthebeln der Macht. 

 

Also, ist das gerecht? Haben sich all die rechtschaffenen Menschen, die im Schweiße ihres Angesichts das Bruttonationalprodukt eines Landes erarbeiten, das wirklich verdient, nur weil sie bei einer Wahl ihr Kreuzchen unbedacht gesetzt haben? Zugegeben, Nordkorea ist hier ein schlechtes Beispiel, da hat das Volk ja keine Wahlmöglichkeit, Demokratie ist dort absolute Fehlanzeige. Aber der Ami, der wurde tatsächlich von seinen Mitbürgern aus freien Stücken gewählt, jetzt haben die den Salat und zudem diesen gefährlichen Typen am Hals. Und wir natürlich genauso, denn auch wenn der große Teich uns geografisch trennt, die Gefährlichkeit des blonden "Master of Fake News" kennt keine Grenzen. 

 

Und wenn sogar in einer funktionierenden Demokratie, an der wir uns erfreuen dürfen, die Meinung lebt, dass recht haben und recht bekommen zwei Paar Schuhe sind, dann kann's um die Gerechtigkeit nicht gut bestellt sein. Es darf daher nicht verwundern, dass einzelne Geistesriesen sich eine "gemäßigte Diktatur" wünschen. Sollen diese Typen ausgestattet mit einem One-Way-Ticket gefälligst dorthin auswandern, wo es diese gibt und wohl-behalten Gerechtigkeit erleben. Es sei ihnen vergönnt und wir sind sie los. Alle anderen, Sie als kritische Leser besonders, mögen gesund und voller Zuversicht aus der Sommerpause zurückkommen, ich freue mich auf Sie und Ihre Rückmeldungen. Einen schönen Sommer, selbst wenn dieser sehr eigenartig ist, wünscht Ihnen 

 

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