Die große Chance.

 Kolumnentext in den OÖN vom Dienstag, 21. April 2020


Gerade jetzt durch die rosarote Brille zu schauen, ist nicht ganz einfach, allerdings zeigt uns der neue Alltag, dass vieles, was noch vor wenigen Wochen undenkbar schien, trotzdem geht. Die Geschwindigkeit administrativer Abläufe und die Bewältigung logistischer Problem, vieles geschieht atemberaubend und meisterlich. Sehen wir es doch nicht nur als Problem, was derzeit um uns und mit uns passiert, sehen wir’s auch als Chance. Zum Beispiel als Chance, uns zu entwickeln, um uns zum Wohle aller in Rücksicht und Toleranz zu üben. Zum Beispiel im gemeinsamen Haushalt und dabei strafverschärfend für die Männer beim Thema Ordnungssinn.

 

Hier scheint es genetisch oder hormonell bedingte Auffassungsunterschiede zu geben, die nicht selten in Grundsatzdiskussionen münden, zumindest bei mir zuhause ist das so. Meine hinsichtlich Ordnung nur mäßig tolerante Gattin wirft mir hin und wieder vor, ein Lotterleben zu führen. Zugegeben, es gibt Phasen in meinem Leben, in denen Ordnung und Haushalt nur eine untergeordnete Rolle spielen. Kopflastige Aktivitäten an der frischen Luft, beispielsweise spazierengehend über den Sinn des Lebens nachzudenken, haben klarerweise absolute Priorität. Sehr zum Leidwesen meines Haushaltsvorstands, der häufig gerade dann zwei helfende Hände bräuchte, wenn ich meine philosophische Phase habe. Anscheinend ist das Timing hier zu wenig ausgereift, dennoch, der Vorwurf des Lotterlebens trifft das sensible Literaten-Herz wie ein Pfeil. Aus irgendeinem Grund gefällt mir dieser Begriff nicht, also befragte ich das Internet, wie es sich denn mit dem Lotterleben verhält. Der Duden hatte die Lösung sofort parat und ich ein Argument für das bevorstehende klärende Gespräch.

 

„Liebes Weib“, so begann ich zumindest sinngemäß den partnerschaftlichen Informationsaustausch, er könnte auch mit einem weniger freundlichen „Na hallo, so nicht!“ begonnen haben, so genau weiß ich das nicht mehr. Aber gehen wir von der höflichen Variante aus. „Liebes Weib, weißt du eigentlich, was du mir da vorwirfst?“


Natürlich wusste sie es nicht, die Frage war rein rhetorisch. Selbstbewusst, fast siegessicher zitierte ich den Duden. Ein Lotterleben sei moralisch bedenklich und verwerflich, so stand in diesem zu lesen. Und das tut weh, denn auf die Moral, da halt ich was, vor allem wenn mir diesbezüglich ein Versäumnis vorgehalten wird.

Um es kurz zu machen, als zivilisierte Erdenbürger fanden wir natürlich eine Lösung, die für beide Seiten erträglich sein sollte. Meine Gattin streicht, so gut es eben geht, das "Lotterleben" aus ihrem Wortschatz und ersetzt dieses Unwort durch den weitaus angenehmeren Begriff des "Müßiggangs". Sollte ich mich diesem fallweise im Übermaß hingeben, darf sie mich durch ein mahnendes "Sei nicht übermüßig!" sanft in die Realität zurückholen.

 

Ich meinerseits werde mich bemühen, meine philosophischen Runden künftig in Hilferufweite zu drehen, was momentan nicht allzu schwierig ist, weil ich mich überwiegend im heimischen Garten bewege. Ob diese Vereinbarungen auch nach Corona zu halten sind, wird sich zeigen, jetzt ergreifen wir erstmal die Chance, uns neu zu finden. Und legen wir alle, die gerade eine ungewohnt intensive Zweisamkeit durchleben, nicht jedes Wort in die Waagschale, zurzeit haben wir wirklich andere Probleme. Und wenn nicht, freuen Sie sich und seien Sie trotzdem nett zueinander.