Wenn die Normalität droht.

 Kolumnentext in den OÖN vom Dienstag, 12. Mai 2020


Meine Mitmenschen im näheren Umfeld gestehen mir freundlicherweise zu, nicht dumm zu sein, dennoch bin ich momentan etwas irritiert. Und ich bin auch kein ängstlicher Typ, trotzdem schaudert es mich. Wovor, fragen Sie? Wovor fürchten, wo doch in Kürze wieder alles normal wird? Und genau das ist es, was mich aufschreckt: die Normalität. Wir kehren, so formulierte es unser aller Kanzler, Schritt für Schritt zur Normalität zurück. Dass er dabei von einer "neuen Normalität" spricht, kann mich nicht sonderlich beruhigen, ich befürchte, dass wir alsbald wieder alte Zustände haben werden. Was war daran normal, dass ein Flugticket Wien-Mallorca um 19 Euro zu kriegen war? Was war normal daran, dass ein Bauwoll-T-Shirt um 3 Euro und ein Kilogramm vom Schwein um 6 Euro über den Ladentisch ging? Was bedeutet es, normal zu sein? Soll man(n) oder Frau sich das wirklich wünschen? Mal ganz ehrlich, sind Sie eigentlich ganz normal? Der Normalverbraucher ist normalerweise entrüstet, wenn seine Normalität in Frage gestellt wird. Aber wollen Sie das tatsächlich sein, so richtig normal?

 

Ein Mensch gilt, salopp gesagt, als normal, wenn sein Verhalten jenem der Mehrheit entspricht. Jetzt dürfen Sie erstmal kräftig schlucken, das ist ihr gutes Recht und mehr als verständlich. Leider aber nicht normal, denn der Durchschnittsbürger findet sich meist mit seiner Situation ab, der wundert sich nicht und schluckt auch nicht. Für den ist es ganz normal, mit der Masse mitzuschwimmen. Was mich betrifft, so hoffe ich inständig, dass das unzivilisierte, teils unsoziale Verhalten so mancher Zeitgenossen in meinem erweiterten Umfeld nicht dem der Mehrheit und schon gar nicht meinem entspricht, denn dann wäre ich liebend gern nicht normal. Lieber wär's mir, mutig und zuversichtlich zu sein, Ecken und Kanten zu haben, ungeachtet dessen, was der Durchschnitt, die Mehrheit so macht.

 

Ich werde mich zwar weiterhin vertrauensvoll an die Empfehlungen der Regierung halten, mir aber trotzdem nicht verbieten, wachsam und kritisch zu bleiben. Darüber hinaus möchte ich meinen bescheidenen Beitrag zur Förderung der Wirtschaft leisten, indem ich demnächst eifrig konsumieren werde.

 

Im festen Bewusstsein, damit Gutes zu tun, setze ich mich hin und schreibe hoffnungsvoll eine Liste. Eine Liste sämtlicher Gastgärten in Steyr und Umgebung, die ich in allernächster Zukunft aufsuchen möchte. Es fließen mir die Buchstaben regelrecht aus den Fingern, selbst ohne Branchenverzeichnis, allein Kraft meiner sehnsüchtigen Wünsche ist die Seite rasch gefüllt. Vom Ki-Wi-Hai-Ho im Norden von Steyr bis zum Schoiber im Süden, am Damberg gelegen, vom Gasthof Pöchhacker im Westen der Stadt bis zum Gasthof am Wachtberg im Osten meines Quarantäne-Domizils, alle haben sie einen wunderbaren Gastgarten und alle sollen sie alsbald ihre Chance bekommen. 

 

Oops, jetzt war ich aber richtig leichtsinnig, habe ich doch glatt den Datenschutz missachtet. Denn wenn Sie nun die Linien verbinden, wissen Sie etwa, wo ich wohne. Besuchen Sie sich mich bitte trotzdem nicht, das ist zurzeit noch nicht empfehlenswert, außerdem würden mir die vielen Baby-Elefanten den Rasen niedertrampeln. Ganz zu schweigen von den dampfenden Häufchen, die sie hinterlassen würden.

In Bälde freue ich mich ganz sicher wieder über nette Besuche, bis dahin sehe ich es allerdings als meine staatsbürgerliche Pflicht, die schwer unter Druck geratene Gastronomie zu unterstützen. Vermutlich bin ich mit meinen Gelüsten gar nicht so allein, da sollten sich schon Mitstreiter und Seelenverwandte finden. Da es einzig um die gute Sache geht, stehe ich hier zu meiner Normalität als Konsument, folglich darf da auch jeder mitmachen. Es (über)lebe die österreichische Gastwirtschaft. Prost, vielleicht schon in wenigen Tagen in einem der angeführten, schattigen Gärten.