Die Magie der Prozente.

 Kolumnentext in den OÖN vom Dienstag, 28. April 2020


In Woche vier unserer Kolumne wird es wieder einmal Zeit für eine richtig positive Nachricht, die da wäre: Wir werden alle wieder auferstehen. Jawohl, das werden wir, und das mit sehr großer Wahrscheinlichkeit. Soviel zum Positiven. Es gibt aber auch was, was uns dabei nachdenklich stimmen sollte, nämlich: Zweifelhaften Umfragen zufolge können etwa 104% der Österreicher nicht Prozentrechnen. Ja, ja, ich weiß schon, Sie gehören da auf keinen Fall dazu, Sie haben's intus. Doch was hat das eine mit dem anderen zu tun? Ganz einfach: Wahrscheinlichkeiten werden blöderweise in Prozent angegeben. Und genau hier stinkt der Fisch. Zum einen hoffen wir, dass wir bald zu einer Normalität zurückkehren werden, und das mit hoher prozentueller Wahrscheinlichkeit. Zum anderen erschlagen uns die vielen Zahlen, mit denen uns die Experten großzügig Tag für Tag konfrontieren. Für viele Mitbürger ist nach den medialen Zahlenspielen in den Abendnachrichten die Verwirrung perfekt, manche träumen nur mehr von Nachkommastellen und atemberaubend schönen Grafiken.

 

Geben Sie’s doch zu, Sie sitzen auch oft vor dem Fernseher und versinken aus Ehrfurcht vor den Statistiken der Corona-Experten. Ob Politiker, Mathematiker, Virologen, Meteorologen, Börsen-Gurus oder sogar Astrologen, ohne Prozentrechnen geht da gar nichts. Blöd ist’s allerdings, wenn man’s nicht kann. Und da sind 104% tatsächlich sehr viel. Mein selbsternannter Freund, der allwissende Herr M. aus dem benachbarten Stadtteil, der hat damit kein Problem. Er trägt zwar aus Überzeugung keine Maske, weil er per Eigendefinition absolut „sauber“ ist und außerdem keiner Risikogruppe angehört. Als er im Fernsehen hörte, dass 95% der Österreicher sich vorbildlich an die Vorgaben der Regierung halten, gestand er mir hinter vorgehaltener Hand, dass er die restlichen fünf kennt. Und die hausen im gleichen Wohnsilo einen Stock über ihm. Es handelt sich dabei um Frau K., ihren Ehemann und ihre beiden ungustiösen Teenager. Den fünften im Haushalt sieht man selten, es dürfte sich um den Bruder der Frau K. handeln. Sie gehen zwar, wenn überhaupt, nur mit trendiger Maske aus dem Haus, allerdings rauchen und husten sie allesamt und spucken fallweise vom Balkon.

Mehr wollte mein Freund aus Datenschutzgründen nicht sagen, aber diese Typen fehlen auf die 100%. Er war sich ziemlich sicher, dass der eloquente Herr im Fernsehen genau diese fünf meinte. Und ich bin mir nun meinerseits ziemlich sicher, dass mein Freund M. sehr wohl zu einer Risikogruppe gehört, und zwar zu jener der uneinsichtigen Besserwisser. Allerdings würde uns vor solchen Typen weder eine Schutzmaske noch ein Ganzkörperkondom schützen, hoffnungslose Fälle. Wie dann aber schützt man sich vor Zeitgenossen, deren geistiger Horizont kaum über die Nasenspitze hinausreicht, die unter Gemeinwohl bestenfalls ein öffentliches Trinkgelage verstehen? Überzeugen durch ein klärendes, respektvolles Gespräch, das wäre zumindest einen Versuch wert, selbst wenn Sie dabei über so manchen Schatten springen müssten.

 

Sollten Sie also auch welche kennen, die auf die 100% fehlen, sagen Sie's denen, dass es zurzeit auf uns alle ankommt und sie daher, unabhängig von ihrem geistigen Horizont, sehr wichtig sind. Das hören solche Menschen gerne, glauben Sie's mir. Verzichten Sie dennoch besser auf Nebenbemerkungen deren Intellekt betreffend, das dürfte Ihre Erfolgsaussichten bei der Überzeugungsarbeit verbessern. Und versuchen Sie erst gar nicht, denen das Prozentrechnen beizubringen.