Blindes Vertrauen.

 Kolumnentext in den OÖN vom Dienstag, 5. Mai 2020


Wie würde es Ihnen gehen, wenn eine im Umgang mit Waffen ungeübte Person wenige Zentimeter vor Ihrer Nase mit scharfer Klinge fuchtelt? Ich habe beschlossen, die Augen zu schließen und mich dem Schicksal heldenhaft zu ergeben. Der Tatort war unser Garten, mit dem personifizierten Schicksal bin ich fast 38 Jahre verheiratet. Was war geschehen, wie konnte es nur soweit kommen, dass wir zu Waffen greifen? Erraten, auch daran ist der kleine Corona-Teufel schuld. Alsdann, so trug es sich zu:

 

Ein frühmorgendlicher Blick in den Spiegel und die dazu passende Bemerkung meines Haushaltsvorstands mahnten mich, dass eine Behandlung durch den Friseur meines Vertrauens überfällig war. Allerdings war diese zur Tatzeit letzte Woche legal noch nicht möglich, es sei denn, ich würde mit diesem Experten in einem gemeinsamen Haushalt leben. Eine grauenhafte Vorstellung, da zog ich es doch lieber vor, das Angebot meiner langjährigen Psychotherapeutin, Ernährungs- und Modeberaterin anzunehmen. Sie würde das gerne übernehmen, meinte sie hochmotiviert und versicherte mir augenzwinkernd, dass sie sich durch diesen Vertrauensbeweis außerordentlich geehrt fühle. Und schon saß ich erwartungsvoll mitten auf der Wiese, wehrlos auf einem Campingsessel, ein olivgrünes Handtuch als einzige Schutzmaßnahme um den Hals geworfen. Rundherum zwitscherten ungewöhnlich viele Vögel, sie schienen uns zu beobachten und sich über die unglaubliche Darbietung bestens zu amüsieren.

Es gehört fürwahr eine große Portion Urvertrauen dazu, mit 130 km/h über die Autobahn zu brettern. Man kennt weder den Entwickler noch den Produzenten seines Autos persönlich, man weiß nicht, wie zuverlässig und verantwortungsbewusst diese Menschen sind. Zudem ahnt man nicht, welch seltsame Gestalten in den Autos um einen herum am Steuer sitzen. Meist ist es sogar gut, es nicht zu wissen, sonst würde man die heimische Garage nie verlassen.


Jetzt aber jemanden an seine Frisur zu lassen, der womöglich der Aufgabe mangels Fachwissen und Übung nicht gewachsen ist, da gehört schon eine Menge Mut dazu. Und noch viel mehr Vertrauen. Womit wir wieder beim Kernthema sind.

 

Die zumeist demokratisch legitimierten Entscheidungsträger machen es dem Normalbürger nicht gerade leicht, ihnen zu vertrauen. Man denke an die Damen und Herren in Brüssel, springe dann gedanklich über den Ärmelkanal und, God bless you, über den großen Teich zum eigenartigen Herrn mit der blonden Fönfrisur. Da bleibt die Zuversicht ganz schnell auf der Strecke. Doch auch hierzulande hat sich die Politiker-Kaste in den letzten Jahren nicht unbedingt mit Ruhm bekleckert. Vielleicht bedarf es wirklich einem zusätzlichen Schuss an Frauen-Power, um wieder mehr Sensibilität für die Bedürfnisse der Mitmenschen und Vertrauen in die Politik aufzubauen. Allerdings stelle ich mir mit Schaudern vor, wie Beate Hartinger-Klein mit eindringlicher Stimme unser tapferes Pflegepersonal zu motivieren versucht oder Philippa Strache die Expertisen über die Qualität von Schutzmasken überprüft. Eine Horrorvorstellung, Gänsehaut und Pusteln pur.

Woher also das Vertrauen nehmen, um in der überbordenden Informationsflut jene zu finden, denen man glauben kann, auf die man sich verlassen kann? Vielleicht sind's ja wirklich die Frauen, die's richten werden. Zumindest im häuslichen Umfeld hat sich das Vertrauen in die holde Weiblichkeit ausgezahlt. Ich werde bereits in wenigen Wochen wieder, wenn meine Frisur den natürlichen Erneuerungsprozess erfolgreich fortsetzt, schamfrei unters Volk gehen können. Vorausgesetzt, das Vertrauen in unsere Entscheidungsträger war ebenfalls berechtigt und wir dürfen wieder raus. Ich bin guter Dinge und lasse bis dorthin die Haare fröhlich weiterwachsen.

 

Nachtrag: Zugegeben, ich habe leicht übertrieben. Meine Frisur ist großartig und mein Haushaltsvorstand sowieso, aber das Attentat auf meine Haarpracht hätte auch ganz anders ausgehen können. Schwein gehabt.