So geht Rettungskette !!!


22:34. Der laue Freitagabend im späten Mai muss langsam der sternenklaren und damit kühlen Nacht weichen. Das Freiwilligen-Rettungsteam - zwei kompetente Rettungssanitäterinnen und ein erfahrener Einsatzlenker - wird per Funk zu einem Einsatz alarmiert, die drei eilen zum Einsatzfahrzeug. „VU leicht“, so steht’s am Touchscreen des Terminals zu lesen. Ein Verkehrsunfall mit ver-mutlich nur leichten Folgen bzw. Verletzungen, wobei die Einschätzung „leicht“, welche die Rettungsleitstelle trifft, nachvollziehbar ist, wenn man die Vorin-formation durch den Anrufer kennt. „Radfahrer gestürzt, kann sprechen, man sieht keine Verletzungen, kann aber nicht aufstehen!“ So in etwa erklärt der junge Ukrainer in gebrochenem Deutsch nun auch der Rettungsmannschaft, die knapp 7 Minuten später in der Nähe des Einsatzortes eintrifft, die Situation. In der Folge stellt sich diese allerdings alles andere als leicht dar, auch ist die Angabe „in der Nähe des Einsatzortes“ nicht ganz zutreffend. 

 

Erst später stellt sich heraus, dass der verunglückte Radfahrer Anzeichen eines epileptischen Anfalls verspürte und dies wahrscheinlich Ursache des Sturzes war. Die Zufahrt zum geschotterten Radwanderweg, der über mehrere Kilometer nahe am Fluss ins Ennstal führt, ist für PKWs mittels Schranken blockiert. Deshalb muss das Team zunächst etwa 600m im Licht von Handy-Taschenlampen und im Eilschritt zurücklegen, um tatsächlich zum Unfallort zu gelangen. Bestückt mit Verbandsrucksack und dem schweren Rescue-Bag ist dies durchaus eine körper-liche Herausforderung. Dort angekommen warten zwei weitere junge Männer, ebenfalls Ukrainer, die wie unser „Guide“ Bewohner der etwa einen Kilometer entfernten Asylanten-Unterkunft sind. Alle drei waren mit ihren E-Scootern auf dem Heimweg, als sie den Mann fanden. Im Gebüsch liegt ein Mountainbike, daneben in leichter Seitenlage der Gestürzte. Der verunglückte Radfahrer scheint gut ausgerüstet, hat leuchtende Bänder an Arm- und Fußgelenken, trägt einen Helm und einen kleinen Rucksack. Seine Augen sind halb geschlossen, er stöhnt und schwitzt, Oberkörper und Arme zucken heftig, die Symptome lassen einen Krampfanfall vermuten. Der Mann ist kräftig und korpulent, die Ersthelfer haben es dennoch bereits geschafft, seinen Kopf zur linken Schulter zu legen, von der bereits einiges an Erbrochenem fließt. Eine Sanitäterin kümmert sich um den Patienten und versucht in einer kurzen Krampfpause zunächst erfolglos, ihm Helm und Rucksack abzunehmen. Die zweite Sanitäterin fordert per Funk die Unterstützung durch einen Notarzt an. Sorry, so die Antwort, der ist momentan nicht verfügbar - eine Reanimation ca. 15km entfernt. Die Leitstelle will jedoch nach anderen Möglichkeiten suchen. Zwischenzeitlich läuft der Einsatzlenker gemeinsam mit einem der Burschen zurück zum Rettungswagen und schätzt dabei die Zufahrtsmöglichkeiten ab. Es gelingt ihm schließlich, über eine leicht abschüssige Wiese den Schranken zu umfahren und sich der Unfallstelle über den Schotterweg bis auf etwa 100m zu nähern, dann wird’s zu eng. Der junge Ukrainer bleibt an der Hauptstraße zurück, um weitere Helfer und die zu erwartende Exekutive einzuweisen. Mittlerweile ist es den Sanitäterinnen gelungen, den Patienten von Helm und Rucksack zu befreien, gemeinsam mit den Ersthelfern wird er – immer noch leicht krampfend und erbrechend – auf das Rettungstuch gelegt. Die ukrainischen Brüder hatten bereits zuvor ihre Mutter in der Unter-kunft informiert, dass der Einsatz noch eine Weile dauern dürfte, also machte auch sie sich durch die Dunkelheit auf den Weg, um ihre Söhne zu unterstützen. Fünf Personen packen schließlich ungeachtet der unappetitlichen Umstände an, zwei Personen leuchten mit ihren Handys den Weg aus. Es dauert schon einige strapaziöse Minuten, um den Patienten schließlich auf die bereitgestellte Fahrtrage zu legen und ins Fahrzeug schieben zu können. Erleichterung, als die Leitstelle mitteilt, dass der Notarzt nun doch verfügbar ist, ein Treffpunkt an der Hauptstraße wird vereinbart. Im Schritttempo manövriert der Einsatzlenker das Rettungsauto behutsam über den Radweg durchs Gebüsch zurück und dann zum vereinbarten Treffpunkt, wo das Notarztteam die weitere medizinische Versor-gung übernimmt. Der mittlerweile ansprechbare Patient wird stabilisiert, noch mals auf Verletzungen untersucht und mit Blaulicht ins Krankenaus transpor-tiert, wo er im er Schockraum von Spezialisten übernommen wird. Die Helfer verschwanden übrigens still und leise, um sich nach der Aufregung hoffentlich verdient ausruhen zu können. Von Ausruhen war beim Rettungsteam zunächst noch keine Rede, die drei durften sich zuvor noch eine sehr lange Stunde der gründlichen Reinigung ihres Einsatzfahrzeuges widmen. 

 

Warum ich das erzähle, warum ich’s noch dazu publiziere? Nicht weil’s aben-teuerlich und anstrengend war oder jemanden unterhalten soll, sondern weil’s ohne das beherzte Eingreifen und Anpacken der Ersthelfer aus der Ukraine schlimmer hätte ausgehen können. Meist bleiben diese Menschen unerwähnt, zumindest namenlos und häufig unbedankt, diesmal aber nicht – weil’s unserem Team wichtig ist, die Helfer müssen diesmal vor den Vorhang. Jungs, ihr habt das großartig gemacht, wahrscheinlich sogar ein Leben gerettet. Hättet ihr den gestürzten Radler nicht gefunden und sofort beherzt gehandelt, hätte der in seiner misslichen Lage durchaus ersticken können, ihr dürft also ruhigen Gewissens stolz auf euch sein. Danke für euren Mut und eure wertvolle Unterstützung.

Und für alle, die das lesen: Traut euch was zu, schaut nicht weg, fragt nicht lang und packt an. Aus Liebe zum Menschen!