Die Welt des Flüsterns.
Ich bin technisch vorbelastet, was ja nicht per se schlimm sein muss und einem funktionierenden Haushalt manchmal durchaus förderlich sein kann. Nerviger für meine Umwelt ist schon eher, dass ich ein umtriebiger Freigeist, ein stets hinterfragender, hartnäckiger Haarspalter und zu allererst neugierig, unendlich neugierig bin. Diese nicht immer segensreiche Kombination bringt es mit sich, dass ich gerne schreibe, allerdings nicht ohne vorher ausgiebig zu sinnieren, zu philosophieren und zu recherchieren. Übers Flüstern zum Beispiel, darum geht’s doch heute, in einem Innenhof flüstern. Flüstern. Ein breites, leidlich unbestelltes Feld in der zwischenmenschlichen Kommunikation, wie Sie bald merken werden.
Entschuldigung – Tut mir leid – Sorry - Pardon! – In Österreich gesellt sich vielerorts das einsilbige Oh, in rustikalen Kreisen das legendäre Öha dazu. Und wer sich den Anstrich von Weltoffenheit verleihen will, der flüstert ein mediterranes Scusi.
Wer zornig ist, der schreit, wer Schmerzen hat, der jammert und wer wütend ist, der faucht. Aber was hat der, der flüstert, was veranlasst einen Flüsterer zu seinem Tun? Ich tippe auf - Geheimnis. Ja, Geheimnis, denn wer flüstert, der hat in den meisten Fällen etwas zu verbergen oder es ist ihm etwas peinlich. Oder er sagt etwas Schlimmes, etwas Verbotenes, oder – Gott bewahre – gar etwas Verruchtes. Vielleicht verbreitet er - oder mit etwas größerer Wahrscheinlichkeit sie - ein Gerücht. Oder er – weil geplagter Manager – er kommt auch nur zu spät zu einer Lesung, ins Theater, zu einem Konzert und quält sich demütig gebückt durch die Reihen, bis er sich erlöst in den ihm zugeteilten Sitzplatz verkriecht. Ja, die Gründe für’s Flüstern sind mannigfaltig, und keine Kreatur ist als Adressat davon ausgenommen. Pferde z, B., die können anscheinend durch Säuseln ins Ohr dressiert werden. Kein Peitschenknallen, kein Schlagen, kein Schreien, nichts dergleichen, Dressur ohne jegliche Art von Gewalt. Funktioniert übrigens auch bei Ehemännern. Oder bei unserem besten Freund, dem Hund, bei dem wirkt das genauso. Ja, es gibt Menschen, die flüstern tatsächlich mit Hunden. Die hauchen es dem Vierbeiner ins Ohr, welches Kunststück er machen soll, damit Frauchen und Herrchen glücklich sind.
Erwähnte ich schon, dass ich technisch vorbelastet bin und – ganz unter uns – fast 40 Jahre Lehrer war? Ja, ich war tatsächlich 40 Jahre im Schuldienst, um dort die Jugend auf Vordermann zu bringen. Zugegeben, mit wechselndem Erfolg, doch dieses Geheimnis soll unbedingt unter uns bleiben. Man bemerke: Es gibt ein Geheimnis. Deshalb hab‘ ich’s ja auch geflüstert, hier im Dunkl’schen Hinterhof hinter vorgehaltener Hand geflüstert und dabei auf Ihre Diskretion vertraut, also enttäuschen Sie mich bitte nicht. Dass man Informationen, die man nicht an die große Glocke hängen will, mit reduzierter Lautstärke kundtut, ist ja wohl verständlich, aber warum flüstert oder haucht ein verklärter Mensch seinem Herzstück fast unhörbar das „Ich liebe dich!“ ins Ohr. Klar wird’s nicht gebrüllt, das wäre ja höchst unromantisch, aber schämt er oder sie sich etwa für seine Zuneigung? „Ich liebe dich!“ Das darf oder soll doch jeder wissen, nicht nur der Mensch, den’s betrifft, sondern alle, um so den Beziehungsstatus und die Möglichkeiten oder eben Nicht-Möglichkeiten für die Umstehenden klar abzugrenzen. Da geht nichts, jede hormonelle Anstrengung ist umsonst, die beiden gehören zusammen und damit Basta, die Pirsch ist noch nicht zu Ende.
Grundsätzlich bleibt trotz aller Skepsis festzuhalten: Das Geräusch des Flüsterns ist erwiesenermaßen ein angenehmes. Es erinnert an Meeresrauschen und erzeugt ein Gefühl von Nähe und Vertrautheit, ja, durch die benötigte körperliche Nähe, um das Gesprochene zu verstehen, entsteht eine regelrechte Intimität zwischen Sender und Empfänger. Man sollte es allerdings in der Öffentlichkeit nicht übertreiben damit. Der Herr Knigge, den einzelne unserer Generation zumindest dem Namen nach noch kennen, der hat diesbezüglich seine Bedenken. Der meint sogar, dass Flüstern hinter vorgehaltener Hand bei Tisch genauso ein Tabu ist wie Rülpsen, Schmatzen, Schlürfen und Pupsen, genauso verpönt wie Nasenbohren und Fingernägelkauen. Aber wer liest heute schon noch den Knigge, den kennt in den sozialen Medien kaum einer. Es scheint fast so, als wären dort Respekt und gutes Benehmen bei Strafe verboten. Dass Flüstern zur Seuche wird, da mache ich mir da keine Sorgen, denn Flüstern ist ohnehin out, man macht’s nicht mehr. Auch Geheimnisse sind nicht mehr modern. Zuletzt, im öffentlichen Bus, da erfuhr ich Dinge, die trieben mir als unbedarftem Zuhörer die Schamesröte ins Gesicht. Da werden Liebesnächte geschildert, Saufgelage kommentiert und Erfahrungen nach Prostata-Operationen für jedermann gut hörbar ausgetauscht, da braucht man keine Fachzeitschriften mehr, eine kurze Fahrt mit den Öffis deckt den Informations-bedarf mehrerer Tage. Apropos Prostata-Beschwerden, wir sollten unbedingt noch über den gesundheitlichen Aspekt des Flüsterns nachdenken. Dass Schreien der Stimme, unseren Stimmbändern, nicht guttut, ist wohl hinlänglich bekannt. Selbst den stärksten Hooligan plagt nach dem Brüllkonzert im Fußball-Stadion am nächsten Tag die Heiserkeit, diese können selbst mehrere therapeutische, eiskalte Biere nicht verhindern. Weniger bekannt dürfte sein, dass auch das Flüstern gesundheitsschädlich ist. Nein, ich meine jetzt nicht den psychischen Schmerz, weil man nicht weiß, ob der unsympathische Tuschler gegenüber gerade ein Gerücht über mich verbreitet, ich rede von der Anatomie. Es ist ein Irrglaube, zu meinen, durch Flüstern die Stimme zu schonen. Durch das nur unvollständige Schließen der Stimmlippen werden die Stimmbänder verstärkt beansprucht, von Schonung also keine Spur.
Fassen wir am Ende dieses lauen Sommerabends zusammen. Schön ist’s hier, Stimmung und Ambiente sind großartig und selbst der Bildungsauftrag ist nun erfüllt. Gehen Sie mit mehr Wissen über das Flüstern nach Hause und sagen Sie dem Menschen ihrer Wahl, in welcher Lautstärke auch immer, dass Sie ihn lieben. Hauptsache, Sie sagen es ihm. Noch schönen Abend und danke für’s Flüstern dürfen.